Setz dich hin. Iss einen Keks.



Was wollen die denn schon wieder hier?
Kleiner Bruder "Unachtsamkeit" hat heimlich Salz statt Zucker in deinen Kaffee gelöffelt, Schwester "So Müdäää" vernebelt deine Birne und großer Bruder "Perfektionismus" rennt mit gesträubtem Nackenhaar im Kreis - kritisierend, kreischend, als hätt' er einen Knopf in den Kronjuwelen. Darf ich vorstellen: Familie "Das ist echt grad zuviel."


Du stehst ratlos mit einem Trumm in der Hand in der Landschaft: "Was wollt ich gleich nochmal?", während du versuchst, einen Gähnanfall - da nicht angemmessen? - zu unterdrücken.
Konzentrationsversuche zwecklos.
Abgewiesen vom Großhirn.
Arbeitsspeicher rappelvoll.

Aus allen Richtungen scheinen die Anforderungen neonfarben zu blinken. Gleichzeitig zerren sie an allen verfügbaren Zipfeln deines Kittels.

Beim Tango betonieren sie dir die Füße. Mit gierigen Mäulern beißen sie fette Stücke ab vom heiß erwarteten, therapeutisch notwendigem (jawoll, will ich, brauch ich doch) Tangowohlgefühl.
Was soll das denn? Das muss doch gehen! Ich will meine Tangoentspannung!

Stattdessen spinnen die ungeliebten Geschwister grübelig-pappige Gedankennetze, in denen sich sonst so fein funktionierende Krisenstrategien verfangen und jämmerlich eingehen.

Atem- und Tanzfluss geraten ins Stocken, dafür tröpfelt der Mißmut faulig stinkend in dich hinein.

Allein die schlichte Anwesenheit dieser Mischpoke genügt, um die sanfte Stimme ganz hinten in deinem Kopf zu überdecken: "Hast grade echt viel an der Backe. 
Setz dich hin, iss einen Keks."

Noch immer gerate ich in solchen Situationen in Versuchung, alle Probleme "jetzt sofort" lösen zu wollen. (Bin doch ein routinierter Gelassenheitsprofi!)
Und scheitere.
Versuch's nochmal, zwick' Zähne sowie Arschbacken zusammen
und scheitere wieder...
Da capo...?

Bis ich dann so erschöpft bin, dass nix mehr anderes möglich ist als Essen, allein oder mit lieben Menschen auf dem Sofa sitzen, schweigen dürfen und schlafen.
Dann kommt "Shen" auf leisen Pfoten zurück und legt sich schnurrend auf meinen Schoß, lässt sich kraulen. Die Chinesen sagen, "Shen" (der Geist) wohne im Herzen. Ist dieses aufgewühlt, macht er (oder sie?) sich vom Acker und Platz für die ungesunde Bagage.

"Ärgerlich, dass dir diese schnurrende Zufriedenheit manchmal auskommt, gell?", flüstert mir Brüderlein "Perfektionismus" in's Ohr. Demütig debil grinsend antworte ich ihm - die Schreibfeder in der Hand:
"You teach best, what you need most."
Dann trollt er sich. Meistens.
Das Leben kann so einfach sein.
... al fine.

Was würdest du deinem Patienten, Tanzpartner oder Freund raten, wenn er/sie mal wieder akut am Rad dreht? Da ich auf Ratschläge mitunter trotzig reagiere, habe ich es lieber, wenn Fragen vergessene Möglichkeiten beleuchten, um mit den Füßen wieder fest auf dem Boden stehen:


"Was kannst du jetzt sofort, 

in diesem Moment tun, 

damit es dir besser geht?"


Die ganz grundlegenden Dinge des Lebens verliert man gerne in Krisensituationen aus dem Blick:
  • Wann hast du das letzte Mal was gegessen? 
  • Wann hast du das letzte Mal geschlafen? 
  • ... mit wem und warum? 
(frei nach Dr. Eckart von Hirschhausen)

Ein niedriger Blutzuckerspiegel ist genausowenig förderlich für Gelassenheit und Konzentration wie Schlafmangel.
Also:

"Setz dich hin, schnauf' durch, iss einen Keks!"
Diese ein bis fünf Minuten sind vertretbar!
Lass dein "Aber..."-Schild stecken. Die wichtigtuerischen Argumente darauf kenne ich: Sie sind fast immer irrelevant. Wenn dein Tanzpartner die Kekspause nicht toleriert, ist eh fraglich, ob weiterer Kontakt gesund wäre.
Bestehe in Belastungszeiten auf (ungestörten) Nachtschlaf.
Halte Pausenzeiten ein.

Vielleicht stellt sich ein zarter Hauch muskulärer Zufriedenheit ein, wenn du jetzt sofort deine Haltung veränderst? Einfach das Gewicht ein wenig verlagerst? Oder mit den Zähnen klapperst, um deine Kiefergelenke zu lockern? Die Tastatur näher heranziehst? Den Bildschirm nackenfreundlich kippst?

Wie wär's mit Lüften?
Oder Wollsocken, wenn's dich friert?
...lauter kleine, einfache Aktionen... 
Horch und fühle!
Sei kreativ!


"Befindest du dich 

oder derjenige, um den du dich gerade kümmerst

in akuter Lebensgefahr?"


Falls ja: Tu, was zu tun ist. Sofort!
Nimm deinem Zweijährigen die Domestosflasche aus den Pfoten, reanimiere deinen Patienten mit Herzstillstand, verschwinde augenblicklich von der Mitte der Autobahn und hau' dem Säbelzahntiger deinen Tanzschuhbeutel auf die Schnauze!

Falls nein: Einfach weiteratmen.
Einfach weitertanzen. Einfach weiter deine Arbeitsroutine erledigen.
Egal, welche Gefühle dich dabei anfliegen, sie bringen dich nicht um und vergehen wieder.

Tango ist dazu da, um getanzt zu werden, Arbeit, um erledigt zu werden. Nichts weiter.
Für das dabei empfundene "Glück" bist du selber zuständig.
Stellt sich selbiges nicht ein, wirst du's heute überleben.

"Ist jetzt in diesem Moment

der richtige Zeitpunkt, 

um sämtliche Probleme zu lösen? 

Hast du jetzt dafür Arbeitsspeicher frei?"


Bleib bei der Beantwortung dieser Frage ruhig wie a bissele schizophren "neben dir", und zwar so weit, dass du dich  - wie als Darsteller in einer Filmszene - rödeln siehst.

Und, mein Held und Weltenretter respektive Mutter Theresa oder Jeanne d'Arc?

Ich schätze, die Antwort lautet: "Gewiss nicht!"

Ob du deine Arbeitsstelle wechseln, gegen die Vernichtung des Urwalds demonstrieren und dich für Flüchtlinge engagieren solltest, wer deine Waschmaschine repariert und Ungewisses bezüglich Versicherungen, Finanzen, Mülltrennung, Partnerschaft, die Probleme deiner Familie etc. wirst du heute nicht klären können.
Musst du nicht.
Du darfst dir aber gern versprechen, dass du dich drum kümmerst, wenn wieder Ruhe in Leib und Seele eingekehrt ist.

Nimm Probleme in Angriff. 

Nicht jetzt, besser wenn  
der Bauch satt, 
das Herz ruhig 
und der Verstand klar ist. 

Dann entscheide aktiv, wann du dich von welchem "Problemwesen" zu einem Tänzchen auffordern lassen willst. (Vorschläge hierzu folgen im nächsten Artikel.)

Fazit:


Heute sind nur die aktuellen Aufgaben dran -
das, was heute zu tun ist.

Schicke die ungesunden Geschwister "Unachtsamkeit", "So Müdäää" und "Perfektionismus" fort. Die sollen woanders spielen.

Iss was Gescheites, schlafe, ruh' dich aus, hol dir Frischluft!
(Auch wenn heute nur eine geringe Dosis möglich ist, die hilft!)

Liefere das Beste, was heute möglich ist.
Egal, ob beim Tango oder der Arbeit.
Schreib dir diesen Satz auf einen Zettel. Markiere den zweiten Teil farbig. Steck ihn in die Kitteltasche. Lies ihn mindestens stündlich.

Dann setz' dich hin und iss einen Keks.



Herzliche Grüße, komm gut durch!
Manuela Bößel






mehr zu diesem Thema: https://www.uni-augsburg.de/projekte/gesundheitsmanagement/downloadverzeichnis/stressvermeidung.pdf
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Kommentare

  1. Hallo liebe Manu, ich finde deinen Beitrag "Setz dich hin. Iss einen Keks" einfach genial und werde deinen Ratschlag unverzüglich umsetzen...Zettel ist bereits geschrieben, mit bunten Blümchen ausgeschmückt und bis heute Abend an der Pinwand aufbewahrt und für meinen heutigen Nachtdienst einen Platz in meiner rechten, hinteren Hosentasche finden, so das ich jederzeit Zugriff darauf habe. Vielen lieben Dank für diesen einmalig tollen TIP.....Feedback folgt!

    Viele liebe Grüße von deiner Kollegin

    Franzi

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    1. Liebe Franzi,

      danke, freut mich!
      Ich mal dir noch ein Blümlein mit Lachgesicht dazu. Komm gut durch die Nacht, lass dich nicht von Gespenstern klauen!
      ...bin gespannt auf's Feedback.

      Herzliche Grüße,
      Manu

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Aktualisiert am 15.10.19