Tango-Feminismus präpotent-pragmatisch



Langsam reicht es mir: Ich kann diese kruden Argumentationen einfach nicht mehr hören bzw. lesen, laut denen der hochheilige Cabeceo die Damen eben nicht benachteilige. Irgendwas scheint mit mir nicht zu stimmen, da ich die Erklärungen einfach nicht verstehe. Obwohl ich wirklich versuche, offen zu sein.

Soll ich einfach auf meinem Hintern sitzend warten, bis einer der gnädigen Herren meine Blicke erhört und Tanzen – wenigstens grenzwertig, oder das, was er darunter versteht – mit HeHimself erlaubt, stellt sich bei mir ein ganz ungutes Gefühl ein. Nämlich das der Gelbwurst in der Auslage.

Natürlich kenne und beherrsche ich die Tricks, welche die Aufforderungstendenz steigern. 

Als da wären: ein hübsches, stoffarmes Kleidchen, hohe Glitzi-Glänzi-Peeptoes, Köpfchen schieflegen, mit den Wimpern klimpern, und die Stimmlage ein wenig nach oben verlagern.
Oder gar nicht mit Worten sprechen, besser lächeln, lächeln, lächeln. Den Körperkontakt mit Wunschtänzern am besten schon bei der Begrüßung forcieren: Bussi-Bussi zum Parfum- und Umarmung Verkostenlassen und „unabsichtliche“ Berührungen. Ein kaum wahrnehmbarer Kniekontakt beim Schuhwechsel kann Wunder wirken! Ehrlich!

Das wichtigste dabei ist: Immer behaupten, frau tue das nur für sich selber. Nein, für die Männer doch nicht! Die erkennen die innere Schönheit der Damen, also deren Tangokunst.

Dann miradieren (vulgo Männer anstarren), was das Zeug hält!

Das Problem ist nur, wende ich diese Tricks realiter an, dann stellt sich wieder dieses ungute Gefühl ein! Gelbwurst, vegan verkleidet. Ein passiviertes Gefühl. Oder hat dich je ein Radl Gelbwurst um Verzehr gebeten?

In den sozialen Medien schwimmen momentan kurzoide Schmocks wie Fettaugen auf der Suppe, die mir erklären, dass mein Gefühl falsch sei. Weil:

Das Cabeceo-Mirada-Konstrukt schützt die Frauen vor männlichen Übergriffen.

Aha. Definiere Übergriff!

Frau würde dann nur von Tänzern aufgefordert, die sie vorher durch intensive Guckung selbst gewählt hat. Verbales Auffordern käme einem sexuellen Übergriff gleich, vor dem man sie schützen müsse. Auch vor der unangenehmen Lästigkeit, bei solch einem groben Regelverstoß einen Korb geben zu müssen.

Ich tanze seit zwanzig Jahren Tango.

Früher war es normal, dass beide Geschlechter auffordern:
hinschauen, ob der Mensch vielleicht grade Zeit hat und Tanzlust ausstrahlt. Dann spazierte man einfach rüber und fragte freundlich. Manchmal erübrigte sich die sprachliche Verständigung, und man schritt gemeinsam zur Tat – ohne sich dafür zu interessieren, dass man da unabsichtlich sowas wie einen Paläo-Cabeceo hingebracht hatte.

Bekam man in seltenen Fällen einen Korb, wurde das ohne Aufarbeitung in facebookischen Stuhlkreisen toleriert. Fiese psychische Schäden konnte ich nicht beobachten.

Auch die heute übliche Tango-Uniformierung war damals noch nicht notwendig. Schwitzfest und „schon ein bissel nett“ (Eigenzusammenstellung ohne professionelle Unterstützung, tangolabel-los) kam die Gewandung daher.

In wenigen Tango-Biosphären-Reservaten wird dieser altmodische Stil heute noch gepflegt. Tanze ich dort, fehlt dieses ungute Gefühl. Eigenartig...

Und trotzdem wollen mir Leute, denen ich zugesehen habe, wie sie fast gestern noch tangotechnisch in die Windeln schissen, weismachen, ich hätte ein falsches Gefühl?

Ich verrate euch Codigo-Rittern mal ein paar Geheimnisse
(verallgemeinernd aus Lebenserfahrung und hochsubjektiv)

1. Auch Frauen furzen.

Allerdings meist nicht in der Öffentlichkeit (und wenn, dann heimlich). Sie wissen um die soziale Problematik und benehmen sich daher in der Regel anständig. Dazu gehört auch, andere Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen und einfach mal freundlich zu sein. Manchmal sogar, scheinbar (oder echt?) das zu wollen, was man ihnen vorschreibt zu wollen. Tarnen und täuschen?!


2. Auch Frauen haben ein Gehirn und sind durchaus in der Lage, selbiges effektiv zu benutzen.
Zum Beispiel, um Gefahren einzuschätzen wie: „Ist der nächste Tanz mit dem verbalaufforderndem, verschwitzten Lotter-Jeans-Träger an Karohemd lebensbedrohlich?“ Oder sich gegebenenfalls psychatrische Unterstüzung zu organisieren, um das Trauma des zu gebenden Korbes aufzuarbeiten und eben nicht an Langzeit-Traumata zu leiden.


3. Es gibt auch Frauen, die ihr Leben selber organisieren.

Einige sogar nicht nur ihr eigenes, sondern auch das des Ehemannes, der Kinder, der Eltern, des Hundes und der Familienkutsche. Und die sollen sich nicht gegen ein „Möchtest du tanzen?“ zur Wehr setzen können, wenn sie wirklich nicht wollen? Die sollen es nicht schaffen, einen Mann anzusprechen und zu fragen, ob er mit ihnen tanzen mag? Oder – Herr steh mir bei! - gar führen lernen können?

Nur muss ich leider zugeben, dass es so manche Dame schon bequemer findet, keine Verantwortung zu übernehmen – ob das geldige Angelegenheiten sind, der neue Arbeitsvertrag oder eben das Verhalten im Tangomilieu. Geht dann was schief, lässt sich's prima jammern.


4. Auch Frauen haben ein Sexualleben.

Wurde lange ignoriert, aber wie man schon vorabendlichen Werbeblöcken entnehmen kann, die niedlich-französisiert benannte Spiel-Produkte behandeln, ist diese Tatsache zumindest in den Köpfen der Marketing-Branche angekommen.

Ja, Tango kann auch ein erotisch angehauchtes Werbespiel darstellen. Bei einem Umarmetanz gehört diese Annahme – meine ich – ggf. zur Geschäftsgrundlage. Tango ist halt nicht völlig sexfrei-sportiv, wie ich es von so manchem Pharisäer höre, kann aber durchaus sinnlich sein. Das ist menschlich. Dazu, mein Herr, braucht's aber keine Hand auf dem Hintern oder an anderen Tabustellen der Dame, gell?! Das sollte dir Mami schon beigebracht haben. Hoffentlich. Anderenfalls riskierst du halt eine Ohrfeige. (Wende ggf. dich an die Dame aus Nr. 2. - sie organisiert dir psychologische Unterstützung.)

Auch Frauen schauen gern knusprigen Männerexemplaren nach. (Ja, auch auf den Popo!) Nur sind sie dabei ein bissel geschickter. Und ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Mann beim Tango weiblich-sexueller Übergriffe erwehren musste. Aber vielleicht gibt es da ja eine hohe Dunkelziffer? Hm, oder eher nicht? Wäre sonst bestimmt als Punkt in den Codigos vermerkt....

5. Frauen haben Gefühle: ihre eigenen.

Drum wissen sie, um welche es sich handelt. Du nicht, außer sie erzählt dir davon.

Auch wenn Frauen bezüglich der Cabeceo-Mirada-Geschichte Emotionen bereitstellen, die mir vollkommen obskur erscheinen, respektiere ich dies. Die gehören ihr, und ich muss sie weder verstehen noch teilen. Wer sich diesen männlichen Machtspielchen – aus welchen Gründen auch immer – unterwerfen will, darf das gerne tun. Aber dann bitte nicht jammern!

Lieber mal unkommod reflektieren, nachdenken und laut sagen, was ihr wollt! Sonst tun's die Männer für euch.

Mein Gefühl zur Zwangs-Mirada kenne ich.
Deswegen werde ich furios-fuchsteufelswild, wenn mir jemand erzählt, was ich zu fühlen hätte. Ich verbitte mir, missioniert zu werden. Das empfinde ich als respektlos.

Trotz sorgfältigen Abwägens der Blinzel-Argumente fühle ich mich dadurch passiviert, in meiner Entscheidungsfreiheit, ja als Mensch eingeschränkt. Daher meide ich inzwischen konsquent Veranstaltungen dieser Art.

Ich weiß leider nicht, wie es anderen Tangueras damit geht. Und den vielen netten, anständigen, einfühlsamen Tangueros, die lieber tanzen als Regelwerk zu diskutieren? Was ist mit euch? Wie findet ihr das? Hinter vorgehaltener Hand munkeln bringt nix. Es fährt auch kein Blitz vom Himmel herab, wenn ihr euch äußert.

Die offenen Diskussionen liegen fast ausschließlich in wenigen Männerhänden. Verfolgt man die Kommentare auf Faceboook oder Blogs, liest du oft die gleichen Namen mit den gebetsmühlenartigen Cabeceo-Mantras. Meinen diese Herrn wirklich zu wissen, was das Fußvolk sich wünscht? Oder wird hier ein Angebot erschaffen, dem sich die Nachfrage gefälligst anzupassen hat? Oder könnte man auch uns Dinosaurier-Aficionados einfach mal altmodisch-analog fragen?

Muss den Neuankömmlingen im Tango ein so einseitiges Bild eines so hochspannenden, vielfältigen Tanzes präsentiert werden? Warum, und wem nützt das?

Die genderkonformen Textlichkeiten dürft ihr, liebe Veranstalter, gerne stecken lassen. Ich pfeif drauf! Solange ihr mir nicht mein eigenes Gefühl zugesteht. Denn da fängt Gleichberechtigung an.
Und Respekt füreinander, den ihr immer so achtsam einfordert. Macht euer Ding, blinzelt, so lange ihr wollt, aber hört auf, das als den Stein der Tangoweisen darzustellen und respektiert endlich auch andere Tangokonzepte.

Wie wär's ganz altmodisch mit „Einfach mal anständig und zeitgemäß miteinander umgehen?“
Respekt, Freundlichkeit und Empathie sind schließlich genderunabhängig.

Herzliche Grüße,
Manuela






Zum Vertiefen auf Gerhards Tango-Report:

Die Frauen wollen es doch so!
http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/10/die-frauen-wollen-es-doch-so.html

Kontakt-Linsen für Anfänger
http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/10/kontakt-linsen-fur-anfanger.html

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare

  1. Du schreibst:
    "Ich weiß leider nicht, wie es ... den vielen netten, anständigen, einfühlsamen Tangueros, die lieber tanzen als Regelwerk zu diskutieren? Was ist mit euch? Wie findet ihr das? Hinter vorgehaltener Hand munkeln bringt nix. Es fährt auch kein Blitz vom Himmel herab, wenn ihr euch äußert."

    Da fühle ich mich jetzt einfach mal angesprochen ;-)

    Ich tanze jetzt seit etwas über 5 Jahren Tango Argentino. Und ich finde Mirada/Cabeseo (im folgenden: M/C) aus zwei, nein drei, nein vier Gründen gut:

    1.) Ich bin tendentiell eher ein schüchterner Typ. Quer durch einen Raum zu gehen und eine (mir unbekannte) Frau anzusprechen ist echt nicht mein Ding. Und dann (vielleicht) eine Ablehnung zu erhalten. M/C hat mir den Einstieg in den Tango sehr erleichtert.
    2.) Schon gar nicht Frauen, die ganz offensichtlich besser tanzen als ich. Würde ich tendentiell praktisch nicht (nüchtern) tun. Dich (20 Jahre!!!) würde ich auch heute nicht aktiv auffordern. M/C aber hat mir tolle Erfahrungen und Tänze ermöglicht, die ich sonst nicht gehabt hätte.
    3.) M/C ist so anders als das, was ich mit der Standard/Latein-Tanzschulenwelt verbinde (eine Erfahrung, die mich dem Paartanz gegenüber traumatisiert hat - sonst hätte ich vielleicht den Tango viel früher kennengelernt). Wo es übrigens ohne M/C auch nicht gleichberechtigter zugeht.
    4.) Ich mag Traditionen, Codes und Riten.

    ABER: Wenn ich etwas für absoluten Schwachsinn halte, dann ist es M/C als die einzig zulässige Art des Aufforderns zu etablieren. Bei einem Tanz, der von Improvisation, von Verbindung, von Musikalität lebt. Das ist wie Sex auf die Missionarsstellung zu beschränken (schlechte Methapher, aber ich lass das jetzt mal so stehen).

    Auch wenn ich M/C (gern) mag, so fordere ich doch auf rund 1 Mio verschiedene Arten auf - Stimmungs- , Situations- und Personenabhängig. Und lasse mich auf 1 Mio Arten auffordern. Sogar per WhatsApp.

    Ich habe auch die Vermutung, dass M/C per se eigentlich gar nicht das Problem ist. Sondern die daran (künstlich) angebundene (Geschlechter-)Rollenzuweisung. Ein kluger Tangolehrer (hat sehr lange in B.A. gelebt) hat mir das mal ganz anders erklärt, als oben (und oft) dargestellt:

    Beide Geschlechter(rollen) blicken auf der Suche nach einer/m TanzpartnerIn im Raum umher (miradieren) und wenn ein Blickkontakt zustande kommt, bestätigen BEIDE mit einem Kopfnicken (cabesieren) ihre Absicht, zusammen zu tanzen.

    Was mich zu einem (potentiell) weiteren Vorteil von M/C bringt: Es erspart dir (mir) die Zeit einer Aufforderung an jemanden zu verschwenden, der / die eh nicht mit dir /mir tanzen will. Oder gar die ganze Tanda, weil der/die-jenige zu feige ist, nein zu sagen (und das ist kein Spass - oft genug erlebt).

    Meine 5 cent.

    LG
    Carsten

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    1. Lieber CarstenB,

      das, was dein kluger Tangolehrer beschrieben hat, ist die Aktion, die ich mit Paläo-Cabeceo meine. Ich stimme vollkommen überein, dass man keine(n) zum Tanzen nötigen sollte, der/die gerade nicht mag - aus welchen Gründen auch immer. Aber reicht dafür nicht ein bissele gesunder Menschenverstand und Empathie?

      Was mich wundert:
      Du schreibst, du wärst zu schüchtern, auf eine Frau zuzugehen und sie ggf. anzusprechen. Das wäre sehr schwierig für dich.

      Wie kriegst du es dann aber gebacken, in inniger Umarmung (ganz viel körperliche Nähe) mit einer ggf. fremden Frau eine gute Viertelstunde zu verbringen? Da kommt man sich doch sehr viel näher als tanzend?

      Früher wurde quer durch die Levels aufgefordert. Und das war gut so. Mit einem erfahrenen Tanzpartner - gleich welchen Geschlechts - kannst du verdammt viel lernen. Natürlich würde ich mit dir tanzen! Dazu brauchst keinen Besänftigungsrausch, gebissen habe ich noch keinen.
      Tango ist nur ein Tanz, eine Freizeitbeschäftigung, die Spaß machen darf. Oder soll? Brauchts dafür zwingend ein Machtgefälle zwischen den Teilnehmenden?

      Also, pack dir ein bissel Arsch in die Hose und pfeif "La Paloma"! Wirst sehen, es lohnt sich.

      Herzliche Grüße
      Manuela

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  2. Was soll ich noch sagen, Carsten hat mir genau das vorweggenommen was ich auch schreiben wollte (außer vielleicht die Missionarsstellung :-) ).
    Auch die Selbstbeschreibung und die Tanzerfahrung stimmt so. Ich fahre freiwillig 80km nach Köln weil ich es genieße mit Codigos zu tanzen. Ich empfinde es dort oft so, daß die Frauen MICH auffordern indem sie mir eine Mirada schenken, sprich, daß das Heft des Handelns in ihren Händen liegt.
    Ich gebe Carsten auch Recht, daß beides seine Berechtigung hat.
    Allerdings möchte ich noch ergänzen, daß es schwierig wird wenn beide Auffassungen aufeinander treffen. Ich verfolge seit einiger Zeit den Münchner Disput aus der Ferne und ich verstehe nicht warum es zu heftigen, persönlichen Auseinandersetzungen kommt.Man hat doch die Wahl wohin man tanzen geht. Und wenn man Codigos nicht mag geht man halt ins Pörnbacher Wohnzimmer. Wenn es mich dorthin verschlagen würde, würde ich Gerhard auch keine Vorwürfe machen, daß ich dort von Frauen aufgefordert werde.

    zusammengefasst:
    Jede art zu tanzen und aufzufordern ist gut und richtig, wenn man seinen Spaß hat. Die andere Fraktion für ihre Art Spaß zu haben aber herabzusetzen und zu kritisieren finde ich nicht gut.

    Wenn ich diese Diskussionen lese drängt sich mir immer das Bild von einem Menschen auf der auf die Wiesn geht und dann sauer ist weil er dort nicht den guten Rotwein kriegt den er ja so liebt.

    Liebe Grüße,

    EL MALEVO

    PS: Wenn Gerhard das ließt bitte ich ausdrücklich um eine Rechtschreibkorrektur da ich Waldorfschüler bin. Eine juristische Prüfung ist dagegen nicht erwünscht, da ich nichts verlinkt habe.

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    1. Lieber EL MALEVO,
      du hast leider übersehen, deinen Namen anzugeben. Magst du das bitte nachholen? Falls nicht, lösche ich deinen Kommentar heute abend.(siehe Spielregeln unten)
      LG Manuela

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    2. Liebe Manuela, entschuldige bitte, daß ich dies übersehen habe, meine Intitialien sind auch gleich wie die von Carsten.

      Liebe Grüße,

      Christian B (EL MALEVO)

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    3. Christian B aka EL MALEVO aka unknown15. Oktober 2019 um 17:43

      Ich wollte noch sagen: ich war leider noch nie bei Euch in der Region tanzen. Ich mutmaße aber, daß die milongas ähnlich ablaufen wie in Köln und Umgebung.

      Ich habe mir auch versucht ein Bild von frustrierten, unaufgeforderten Frauen in Erinnerung zu rufen.
      Dabei tauchte in mir direkt eine Veranstaltung auf die Codigofrei ist. Dort sitzen die Frauen oft mit traurig frustriertem Blick. Es gibt dort genau das Problem welches Du beschreibst: blond, jung, schlank wird aufgefordert.
      Die Frauen, welche nicht in das Schema passen warten geduldig bis ein Mann quer durch den Saal auf sie zukommt, um dann doch die Sitznachberin anzusprechen. Ab und zu verschaffen sie sich dann doch noch vier Tänze indem sie einen Herren ansprechen, welcher dann, nicht selten lustlos, mit Ihr tanzt.
      Ich glaube das Problem liegt tiefer als im Cabeceosystem. Vielleicht ist es eher Ausdruck eines allgemein Mann-Frau Problems bzw. Ausdruck des menschlichen (männlichen) Egoismus.

      Ich hoffe, daß ich damit etwas interessantes zur Diskussion beitragen konnte und bin auf Eure Meinungen gespann.

      LG
      Christian

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    4. Lieber El Malevo,

      es wundert es mich schon einmal, dass du die Códigos dieses Blogs ignorierst und nicht deinen vollen Namen nennst. (Den des anderen Kommentators, Carsten Buchholz, kennen wir – falls das als Ausrede dienen sollte.)

      Aber so ist das halt: Männer halten sich gerne an die Regeln, welche ihnen nützen – wie beim Cabeceo.

      Weder Manuela noch ich wollen Tangobesuchern vorschreiben, wie sie aufzufordern haben. Meine Kollegin wendet sich in ihrem Text lediglich gegen die Behauptung, solche Rituale würden Frauen nicht benachteiligen. Und natürlich soll jede(r) die Milongas besuchen, die ihm (oder ihr) genehm sind.

      Aber du schreibst selber, beide Aufforderungsarten nebeneinander könnten Schwierigkeiten ergeben. Was dann? Doch eine davon ausschließen? Genau dagegen wenden wir uns. Wir sind stets für Vielfalt und gegen Einfalt.

      Ebenfalls haben wir nie behauptet, mit der Aufforderungsweise nun alle Schwierigkeiten im Tango beseitigen zu können. Dazu gehört viel mehr, beispielsweise die Einstellung des Gastgebers. Ich habe dazu kürzlich einen Text veröffentlicht:
      http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/09/machen-wir-es-warmer.html

      Daher ist es mir nicht ganz klar, wieso du Milongas besuchst, in denen Frauen „mit traurig frustriertem Blick“ herumsitzen und Männer, die von denen aufgefordert werden, „nicht selten lustlos“ mit ihnen tanzen. Das wäre für mich nicht das richtige Umfeld – und wenn, dann würde ich etwas dagegen tun.

      Aber, wie gesagt, jeder darf die Milongas besuchen, die ihm liegen – und oft sagt das nicht nur etwas über die Veranstaltung aus, sondern auch über die Gäste.

      Beste Grüße
      Gerhard Riedl

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    5. Christian Birkholz16. Oktober 2019 um 18:49

      Liebe Manuela,
      im Versuch die Sache in einer unpersönlichen Bahn zu halten wende ich mich direkt an Dich.
      Ursprünglich wollte ich ja etwas zu dem Thema beitragen, welches dich zu bewegen scheint - Stichwort Gelbwurst. Leider habe ich mich dabei auch zum Bayrischen Tangogekrieg geäußert und dabei wohl in ein Wespennest gestochen.
      Das Gefühl das Du beschreibst kann ich mir gut vorstellen und ich beobachte oft Situationen in denen sich Frauen wohl so ähnlich fühlen.
      Aus meiner Sicht hat dies aber nicht zwangsläufig etwas mit dem Cabeceo zu tun. Als ich neu in der Kölner Szene war haben die Frauen mich mit dem A***** nicht angeguckt. Also konnte ich sie auch nicht auffordern und habe mich dementsprechend so gefühlt wie Du es beschreibst. Wobei, es ging eher in Richtung Mortadella. Auf den letzten drei Milongas ist es mir nochmal ganz deutlich aufgefallen wie die Frauen (aktiv) mit ihrem Blick bestimmt haben wer sie auffordern darf. Da waren eher die unbeliebten Tänzer die Passiven.
      Und, wie ich schon beschrieben habe, sind freiere Milongas kein Garant dafür, daß die Frauen sich nicht wie bestellt und nicht abgeholt fühlen.
      Für mich persönlich fühlt sich das Codigosystem einfach sehr gut an und ich genieße Milongas mit funktionierender Ronda und ich liebe es auf kleinem Raum mit einfachen Mitteln in einer engen Verbindung zu tanzen dabei der Frau "zuzuhören" und freue mich wenn sie das auch tut. Beim Auffordern (und da gebe ich meinen Egoismus zu) wähle ich im Zweifel natürlich eine Frau von der ich mir ein Gelingen des Beschriebenen erhoffe. Umgekehrt schenkt mir die Frau die meinen Tanz zu langweilig findet keine Mirada. So habe ich das Gefühl, daß sich eine M/C Milonga irgendwie selbst reguliert.
      Womit ich nicht sagen will, daß M/C die Lösung des Problems ist. Das ist nur mein persönliches Empfinden zur Diskussionsanregung.

      Liebe Grüße
      Christian Birkholz

      PS: Ich finde es interessant, daß wir nicht nur den gleichen Beruf, sondern als Leidenschaft auch den Tango und das Graphische Arbeiten haben.

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Aktualisiert am 15.10.19