Am Ende Silberglitzer




1992

Auch heute steht sie auf ihren Rollator gestützt am Ende des langen Krankenhaus-Ganges, der sich mit großen Fenstern zum Park öffnet. Weiches Frühlingssonnenlicht zaubert Reflexe in das Haar ihrer blonden Langhaar-Perücke. Die Stationsschwester hat mir aufgetragen, die Patientin schleunigst ins Zimmer zu scheuchen, sonst würde ihr Essen kalt. Für solche Botengänge sind wir Schülerinnen zuständig.

"Schau, die Krähe hat einen Schatz gefunden!" Frau Sommer zeigt zum Vogel auf der Riesenkastanie gegenüber. Und tatsächlich, er verstaut gerade etwas Glitzerndes in seinem Nest.

Mit "Ich weiß schon, die Feldwebelin schickt Sie" fällt Frau Sommer zurück in's förmliche "Sie". Gemächlich wendet die Mittvierzigerin ihr Gefährt und macht sich auf den Weg. Ich erlaube mir, voraus Richtung Küche zu eilen, Schwester Frieda zieht mir sonst die Ohren lang.

Der Schöpflöffel ist der Chefin Zepter im Stationskönigreich, die persönliche Nahrungszuteilung ureigener Regierungsauftrag mit höchster Priorität.

Das Tablett für diese Patientin steht schon bereit: Obwohl sie als "Nicht-Private" allein ein Doppelzimmer belegt, wird das feine Geschirr benutzt. Schwester Frieda kennt selbstverständlich Frau Sommers Vorlieben: eine kleine Portion Spätzle mit viel Sauce (Vollkost), gedünstete gelbe Rüben (Schonkost) und ein Vanillepudding mir Beerenkompott (Wunschkost, hausgemacht). Und Maiglöckle in's Väsle (aus dem Park)! Drauf aufs Tablett! Und jetzt schau, dass weiterkommst (an mich)!

Frau Sommer lacht, als ich ihre Mahlzeit zum Tisch balanciere.
"Können Sie Gedanken lesen? Die Maiglöckchen kann ich von meinem Fenster aus sehen. Hab mir so gewünscht, mal dran riechen zu dürfen!"
"Die hat Schwester Frieda mitgebracht." Eines davon steckt sie mir am Namensschild fest. Sie schiebt ihren Stapel Papierkram beiseite, kostet mit halbgeschlossenen Augen den Pudding und leckt sich genüsslich die Lippen.

In unserer Pause frage ich die Stationsdiakonisse, warum Frau Sommer denn überhaupt hier sei. Warum nicht daheim? Sie brauche doch keine "richtige" Pflege? Ist doch eher wie im Hotel? (Damals verstand ich unter "richtiger" Pflege Leistungen wie Medikamente verabreichen, Waschen, Lagern, Verbände wechseln und solche Dinge. Ein G'scheithaferl halt - mit superguten Noten, dafür gehörig grün hinter den Ohren.)

"Final ist sie. Und als ehemalige Krankenschwester weiß sie, dass das nix mehr wird. Hier geht's ihr gut." Die Patientenkurve verrät mir Krebs im Endstadium. Wie kann es einem da "gut gehen"? Da muss man doch was tun? (Zu meiner Entschuldigung merke ich nochmal an: Jung war ich, so voller Durchblick. So voll von diesem Welt-Rettungs-Elan, den man als knapp Zwanzigjährige halt intus hat.)

"Nix mehr wird g'macht. Falls Schmerzen kommen: Morphium. Jetzt gemma. Arbeit!" Schwester Frieda stapft voran mit einem Stapel Wäsche unter'm Arm. Moment, Betten beziehen ist doch Schülerarbeit!?

Frau Sommer liegt im Bett. Sie räkelt sich wie eine schnurrende Katze bei unserem Eintreten.
"Hab' gerade geträumt, dass ich auf einer Luftmatratze im Meer schwimme. Das Wasser war ganz silbrig vom Vollmond..."
"Bald, gell?"
"Ja."
Die beiden Frauen lächeln einander an - erstaunlich, die barsche Schwester Frieda lächelt - und ich steh daneben und versteh' nur Bahnhof. Dann blafft mich die Diakonisse in gewohnter Manier an, ich solle der guten Frau doch endlich aus dem Bett helfen.
Sie beendet die Wäsche-Aktion mit einem resoluten Handkantenschlag ins kleine Kopfkissen. "So!"

Am Tag darauf sitzt ein gut zwanzig Jahre älterer Herr im Zimmer der Patientin. Beide beugen sich konzentriert über Papiere, als ich den Nachmittagskaffee samt Kuchen serviere. Ich bin ein wenig überrascht, keine "Neuaufnahme" im Zimmer vorzufinden. Schwester Frieda hat mich doch mit zwei Gedecken losgeschickt? Der Besucher nimmt mir das Tablett ab und bedankt sich höflich. Frau Sommer blinzelt mir über den Rand ihrer Lesebrille zu.

"Ist der Besuch Frau Sommers Vater?" frage ich eine frisch examinierte Jung-Kollegin.
"Nö, das ist ihr Lover. Die heiraten morgen.", flüstert sie mir zu.
"Schmarrn!" plärrt die Chefdiakonisse von hinten. Wir haben sie nicht kommen hören. Mist!
"Die ordnet ihr Sach'!"
"Aber die heiraten doch echt! So einen alten Kerl, ich weiß ja nicht. Und in ihrem Zustand? Wie kann man da verliebt sein?"
"Liebe, pff! So bringt's doch ihr' Sach' in Ordnung! Und jetzt schaut's, dass  weiterkommts!"

(Anmerkung: "Sach" sind hier in Bayern geldige Angelegenheiten und Besitz.)

Von ihrem Standesamts-Ausflug kehrt sie ziemlich erschöpft zurück. Alleine.
"'Sommer' ist vorbei, sie dürfen mich jetzt 'Winter' nennen.", was ich zunächst für einen morbiden Scherz halte.
"Wirklich! Ich habe seinen Namen angenommen. Passt auch irgendwie besser, hm? Meine Füße sind in letzter Zeit so kalt."
In ihrem Zimmer lässt sich die frische Frau Winter in den Sessel fallen und pflückt die Perücke vom Kopf. "Früher hatte ich auch so lange Haare wie Sie, genau wie bei Ihnen immer zu einem dicken Zopf geflochten." Ich nehme ihr das Teil ab und frage, ob ich es bürsten soll. Sie betrachtet mich nachdenklich, während ich ihr Ersatzhaar striegele.
"Haben Sie Ohrlöcher?"
"Ja, schon. Aber auf Station darf ich keinen Schmuck tragen."
"Haben Sie morgen Dienst?"
"Ja."
"Das ist gut."
"Möchten Sie eine Wärmflasche für die Füße?"
Sie möchte.
Dann kann ich wenigstens ein bissel was für sie tun. Ohne "Tun" fühle ich mich so hilfslos.

Der Nachmittag verläuft ruhig. Schwester Frieda kontrolliert Medikamentenbestände, ich darf tausend Handtücher Stoß auf Stoß falten. Plötzlich wendet sie sich um, in meine Richtung, die Fäuste in die Taille gestemmt. Ich erwarte eines ihrer brüchtigten Donnerwetter und überlege geschwind, was ich versemmelt haben könnte. Sie holt tief Luft.
"Sterbende träumen oft von Wasser, auf dem sie fortschwimmen!"
Ein Satz, abgesetzt ohne weitere Erklärung. Dann sortiert sie weiter Tablettenschächtelchen, als wenn nichts gewesen wäre.

Waschbecken- und Nachtkastlputzen wie jeden Tag. Schülerinnenjob. Zähneknirschen. Ich will Krankenschwester werden, nicht Putzfrau! Was einem die Patienten währenddessen so alles erzählen: Von ihrem Daheim, ihrem Beruf, ihren Haustieren, ihren Kindern, Plänen und Sorgen. Türkische Urologiepatienten wollen mich manchmal sogar an ihre Söhne zwecks Heirat vermitteln!

Bei Frau Winter dagegen putze ich gerne, immer läuft Musik - richtige, Jazz oder so - und es riecht gut nach ihrem Maiglöckchenparfum. Ordnung hält sie selber. Wir unterhalten uns über Bücher, die wir gerade lesen oder über Fotografie und Bilder. Außerdem ist es eh so sauber, dass es putzen gar nicht bräuchte. Trotzdem traue ich mich nur zu trödeln und zu ratschen, wenn Schwester Frieda nicht auf Station weilt.

Frau Winter bittet mich, den Koffer vom Schrank zu holen. Den hat sie gestern von ihrem "Hochzeitsflug" - wie sie ihren Termin beim Standesamt nennt - mitgebracht. Sie kramt eine kleine, hellgraue Schachtel heraus und reicht sie mir:
"Die stehen Ihnen bestimmt gut."
Drin liegen Ohrringe, silbern, leicht angelaufen.
"Müssen Sie halt noch ein wenig aufpolieren."
"Frau Sommer, äh Winter, das kann ich nicht annehmen. Die sind zu wertvoll!"
Sie schließt meine Finger um die Schachtel.
"Bitte, tun Sie mir den Gefallen. Ich wünsche mir, dass SIE diesen Schmuck bekommen."
Ich zögere.
"Ich bin bald tot. Sie nicht."
Danke stammelnd fliehe ich aus dem Zimmer. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Das ist kein Zehnerle, das ich bedenkenlos in meiner Schürzentasche versenken kann.

Ich beichte Schwester Frieda.
"Wenn sie's so will, dann nimmst das Geschenk. Basta! Oder willst einer Sterbenden Wünsche abschlagen?"

Nach Feierabend löse ich meinen Zopf, wechsele zu Straßenklamotten und lege Frau Winters Ohrringe an. Die Silberscheiben wirken heller, als sie sind vor meinen dunklen Haaren. Die Krähen im Park veranstalten lautes Gezeter auf meinem Weg vom Wohnheim zurück auf Station. Zwischen den Kieseln glitzert ein Stückle Staniolpapier.

Als ich ihre Zimmertüre öffne und hineinluge, klatscht sie in die Hände:
"Sehen Sie! Die sind wie für Sie gemacht! Sie sollen sie tragen und niemand sonst."

Sie wirkt so "ganz". So ehrlich-heiter lebendig. So heil.
Dabei ist sie doch unheilbar krank und bald tot?

Wie kann das sein?


Heute

Wann Frau Winter gestorben ist, weiß ich nicht. Die Ohrringe habe ich aber immer noch. Ab und zu hänge ich sie an meine Ohrwatschel und bin froh, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Dieser siebengescheite Weltenrettungshabitus schränkt doch gehörig die Sicht ein.

Und ganz langsam beginne ich in Ansätzen zu begreifen, "wie das sein kann":

Heilung bedeutet nicht nur eine vielleicht tödliche Krankheit loszuwerden. Heilen ist (wieder) ganz werden, das eigene Wesen (wieder-) finden - solange man noch Zeit hat. Das fällt bestimmt leichter in einer menschlichen Umgebung mit bester Nahrung für Leib und Seele sowie einer guten Prise pragmatischer "Schwester Frieda-Weisheit".

Das haben mich die beiden Frauen gelehrt. Danke von Herzen!
Das Kapieren dieser Lektion ist hinterhergehatscht und kommt nun doch langsam an:

Sterben müssen wir alle irgendwann.
Da kann man nix machen.

Aber da sein, ein heilendes Umfeld bereiten, bis es soweit ist - das geht! Egal, wie fern oder nah der Tod sein mag.

Herzliche Grüße,
Manuela









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