Tutelalarva D30

Vielleicht eine Corona-Gewinnler-Geschichte

NAMASTÉ - NOMASKÉ? - SCHONMASKÉ!


Pablo knallt ein Fläschchen vor mir auf den Tisch - mitten hinein in mein Nähzeug. Die schwarze Fadenspule rollt über die Tischkante. Anstatt sich wie ein Gentleman zu bücken, lässt sich der gnädige Herr in den Besucherstuhl fallen, verschränkt die Arme - nachdem er von meinem Kaffee genippt hat - und grinst mich an.

"DAS, meine Liebe, ist die Lösung all unserer Probleme!"

"Hab' ich denn welche?"
Ich linse über den Rand meiner Brille und ziehe meine geliebte Tatort-Tasse aus seiner Reichweite.

"Sowieso! Die Corona-Pandemie und ihre Folgen für die Weltgesundheit, die Wirt- und Gesellschaft! Die Grundrechte und die Einschränkungen der Freiheit!"

"Bist so spitz auf Tango?" Für mich die einzig mögliche Erklärung für sein echauffiertes Verhalten.

"Ja, auch, aber darum geht's mir doch gar nicht. Nicht primär."

Was ich bezweifle.

"Schau, du kannst dir ja nicht mal eine Gleitsichtbrille leisten!"

Wieso produzieren die eigentlich Nähnadeln mit immer noch kleineren Öhrchen? Oder wird der Faden fetter? Egal, erfolgreiche Hineinfummelung erfolgt, bereit für den Saum.

Ich gestehe ihm jetzt besser nicht, dass ich kaum wirtschaftliche Verluste verbuchen musste und sogar vom Coronapflegebonus betroffen war. Für Pablo, zurzeit "profesor de tango" und Milongaveranstalter, war's wohl nicht ganz so rosig. Brot-und-Butter-Kellnern fiel genauso flach wie Kaffee-Fahrten-Reisebegleiter und Veganes-Grillen-Coach.

"Ich hatte ja in den letzten Wochen viel Zeit. Internet-Recherche, Facebook, Youtube, was weiß ich, und du glaubst nicht, was da alles verbreitet wird!" Er puhlt sich mit meinem Nahtauftrenner ein Stück Fleisch aus der Lücke zwischen seinen Schneidezähnen.

"Doch, da wird mir teilweise übel." Vorsichtig entferne ich die nächste Stecknadel. "Vor allem, wenn ich Verschwörungs-Bullshit von Leuten lese, die ich bis dato als vernünftig - oder zumindest nicht gefährlich eingestuft habe."

"Eben! Und das teilt die Menschen in Angsthaber und Gefahrenleugner! Nur wenige trauen sich, vernünftig zu agieren durch Eigenhirneinschaltung. Da steckt großes Potenzial drin!"

"Ach geh, es gibt doch noch genügend, die den gesunden Menschenverstand haben und auch benutzen."

"Ja, aber um die geht's mir doch nicht. Mit den selbsternannten Freiheitsverteidigungs-Sproguzzis lässt sich doch viel mehr anfangen. Weißt, die urban-veganen, antischulmedizin-orientierten Klimaretter - die will ich glücklich machen!"

"Was sollen sie dir denn abkaufen zu ihrem Glücke?" Noch zwei Zentimeter bis zur vorgebügelten Umschlagfalte. Wird das Fädchen reichen? Langes Fädchen, faules Mädchen. Danke, Oma. Bin nicht faul. Faden reicht nicht.

"Kannst du mir dafür ein hübsches Etikett designen?" Er hält mir das Fläschen unter die Nase.

Au! Jetzt hab ich mich gestochen. Damit mein Blut den Stoff nicht vollsaut, stecke ich den Finger in den Mund und lege die Näherei erstmal beiseite.

"Das ist ja leer!"

"Noch! Der zukünftige Inhalt muss noch ziehen. Derweil können wir uns um's Design kümmern." Das Wort "Design" begleitet er mit einem in die Luft gezeichneten Regenbogen wie Sponge Bob.

"WIR?" Mein Finger blutet immer noch.

"Ja! Dein Name und 'Heilpraktikerin' müssen mit drauf."

"Wozu das denn, ***zensierter Fluch***?

"Öh, das wäre dein Honorar."

Bevor ihn die Blutstropfen aus meiner schimpfuntermalenden Gestikulierungshand treffen, süßelt er aus meiner Küche:
"Noch einen Kaffee? Schwarz mit drei Stück Zucker? Wär doch eine ganz tolle Werbung für dich!"

"WAS! SOLL! DA! REIN!?"

Er murmelt Unverständliches und schiebt mir meine Tasse entgegen.

"Ich vestehe dich nicht."

"War schon klar, dass du nicht verstehst. Du magst meine Geschäftsideen nie!"

"WAS! SOLL! DA! REIN!?"

"Ich muss doch Kundschaft halten! Und die posten grad Bilder mit einem 'NoMaské'-Buddha, weißt schon 'Mein Immunsystem grüßt dein Immunsystem', und anstatt meine hygienisch einwandfreie Mundschutz-Milonga zu besuchen, fahren die am 1. August zu einer Großdemo nach Berlin, auf der das Ende der Pandemie ausgerufen wird! Also muss ich ihnen was anderes verkaufen."

"Erstens: Ist es nicht zynisch, sich an Symbolen aus einem Kulturkreis zu bedienen, in dessen Herkunftsland vielen Menschen nicht nur wegen Corona der Arsch auf Grundeis geht? Namasté, danke."
Die erste Stecknadel pfählt ihr Kissen.

"Zweitens: Was sind denn das für Leut', die nach Freiheit plärren? Denen fallen weder Bomben auf die Rübe, noch werden sie politisch verfolgt! Die haben sauberes Wasser, Anschluss an medizinische Versorgung, Krankenkasse, soziale Absicherung und - nicht zu vergessen - genug zu essen! Und Zugang zu Informationen!"
Zack, zack, zack, zweite, dritte, vierte Nadel in's Kissen gerammt.

"Genau darum geht's: um INFORMATION!" Er zupft einen handbeschriebenen Zettel aus seinem Portemonnaie.

"...Hahnemann nahm an, dass durch das besondere Verfahren der Potenzierung (...) eine 'im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft'[5] wirksam werde.[6] Zur Begründung der Hochpotenzen ging er davon aus, dass sich hier 'die Materie […] roher Arznei-Substanzen […] zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse'.[7]...
Hab ich aus Wikipedia. 'Verborgene, geistartige Kraft' - das ist des Stoffes reine Information!"

Die letzten zwei Zentimeter Saum lasse ich einfach offen. Sieht eh keiner.

"Die Urtinktur braucht noch drei Tage. Und dann, ahhh, dann kann ich die urban-veganen, antischulmedizin-orientierten Klimaretter glücklich machen! Mit meinem - äh unserem 'Tutelalarva D30'! Cooler Name, gell? 'Tutela larva' ist Latein und bedeutet 'schützende Bedeckung'! Marketingtechnisch muss das ein Wort sein. Einfach ins Gesicht sprühen, kein Gesichtsverlust - haha, Wortspiel - in der Eso-Clique, trotzdem geschützt. Oder auf einer Milonga, wo bei der 'sportlichen Betätigung' der Mundschutz abgelegt werden darf. Trotzdem geschützt."

Langsam ahne ich, warum ich hier an einer neuen Mundschutzbastelung sitze. Seit Pablos letztem Besuch fehlen drei Stück. Handgenäht.

"Welche Farbe hat denn deine Urtinktur?"

"Schwarz natürlich! Kommt gut und so antireaktionär-künstlerisch."

"Siehst doch eh nimmer in Hochpotenzverdünnung. Da soll ja kein Molekül mehr drin sein. Und meine MuSchus? Die sind jetzt hin, nehm ich an."

"War gar nicht so einfach, die zu zerstückeln. Hast stabil genäht, und mein Pürierstab ging zur Rettung der Menschheit über den Jordan! Auspressen war nur Formsache - ich will die Kunden ja nicht bescheißen - und dann in Strohrum eingelegt. Darin ziehen die guten Stücke noch. Mama Rosalie hat versprochen, mir beim Abfiltrieren, Verdünnen und Verschütteln zu helfen. Daran verdienen wir so viel, dass ich dir locker zehn neue kaufen kann. Als Zusatzhonorar quasi."

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich probiere meinen neuen Echt-Mundschutz an, spiele mit meinen Mikro-Rachenbewohnern und betrachte mich im Spiegel. Wenn ich ein bissel mehr Stoff verwende, erkennt mich niemand mehr. Vielleicht ist Pablos Idee ja gar nicht so blöd? Er denkt fast wie ein Pharmakonzern. Wollen die Leute gelackmeiert werden? Vielleicht geht's ihnen wirklich besser, wenn sie viel Geld für ein Heilversprechen mit hübsch-wissenschaftlich-wichtigem Namen ausgeben? Für ein Placebo? Und was ist, wenn genau dieses Placebo wirklich hilft?

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Aber daran muss ich mir nicht die Pfoten schmutzig machen. Das käme mir unanständig vor.

Pablo zieht von dannen - beleidigt, ohne Etikettentwurf. Und ich lupfe für die Nähung des nächsten MuSchus doch noch meine schwere Nähmaschine aus der Kammer. Diesmal verwende ich weißen Stoff. Erscheint mir sicherer. 

Herzliche Grüße,
Manuela








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