Nicht gruppenkompatibel?

"Familiensilber" - eine Erzählung mit Moral? 

Entscheide selbst!





Gestern habe ich mein Familiensilber zurückgeholt.

Beim trennungsbedingten Auszug ließ ich es zurück. Unbrauchbar erschienen mir die abgerissenen Kettchen und nur mehr matt glänzenden Stücke. Die Reise in ein frisches Leben begann ich bewusst mit leichtem Gepäck. Klobige Gespenster aus der ehelichen Vergangenheit klebten mir schwer genug an den Waden.

Als nach der Scheidung ein wenig Ruhe in Herz und Hirn eingezogen war, meldete sich ein leises, unbestimmtes Ziehen, das meine Spaziergänge an den Strand lenkte. Dort, wo Meer und Sand aufeinandertreffen, bildeten künstliche Rosenblätter – geworfen nach einer Hochzeit – und die riesig anmutenden Stoffwechselhinterlassenschaften der Schwäne manchmal ein enges Labyrinth. Da verzichtete ich auf Barfußlaufen und wanderte lieber in Gummistiefeln an der Wasserlinie entlang.

Bedeckt mit gelbem Flugsand fand ich meine Erbstücke in dem kleinen, viereckigen Kästchen aus weiß beschichteter Spanplatte, das wir damals als eine Art Regal benutzt hatten. Die Horde, deren Teil ich einmal war, hatte in den Stücken keinen besonderen Wert gesehen und sie liegen lassen, neben anderem, nicht des Recyclings würdigem Schutt. Sie war weiter gezogen, bepackt mit allerlei – für sie kostbarem – Tand. Der Neid bleibt aus, das Zeugs war mir eh immer zu schwer.

Warum ich ausgerechnet die von der Sippe zugeteilte Gebärprämie - den Goldschmuck - beim Auszug einpackte, weiß ich nicht mehr. Vor einiger Zeit tauschte ich sie ein. Als schwarze Zahlen in der Kontoanzeige leisten sie mir vernünftigere Dienste, füllen Kühlschrank und Autotank.

Im Mondlicht entfernte ich den groben Schmutz, bevor ich abgerissene Silberkettchen, billige  granatsteinbesetzte Ringe, die kitschige Modeschmuck-Kolibribrosche und nicht mehr tickenden Nachkriegsarmbanduhren in die Hosentasche steckte. Auch das rostige Taschenmesser wollte mit – unbedingt – so wie das Kaffeelöffelchen, das nie zum hordeninternen Edel-Silberbesteck passte und daher in der Schublade beschämt dunkellila anlief.

Die aufgequollenen Kanten des Kästchens zu reparieren wäre zu aufwendig gewesen. Auch sah ich keine Verwendungsmöglichkeit in meinem neuen Daheim. Vielleicht dient es einmal einem Krebs als komfortables Fertighauselement?

Meine Großmutter hatte mir, als ich Kind war, gezeigt, wie man mit Zahnpasta und -bürste Silberstücken den ihnen zustehenden Glanz zurückgeben kann. Der helle, reine Minzduft, den sie mit dem so polierten Schmuck für ein paar Stunden mit sich trug, passte eigenartigerweise gut zu ihrem Parfum. Ich erinnerte mich auch an die beim Silberputzen schwarzen Finger und den sich geschwind dunkel färbenden Zahnpastaschaum. So deckte ich den Sofatisch sorgfältig mit alten Zeitungen ab und legte ein dunkelblaues Handtuch bereit.

Kurz nach Mitternacht glitzerten meine Schätze im Schein der Leselampe wie schon lange nicht mehr. Mit der feinen Schmuckzange konnte ich die abgerissenen Kettenglieder zusammenfügen und die Verschlüsse so zurechtbiegen, dass sie wieder funktionieren. Dem Granatring glättete ich feilend die Kanten, damit sie bei längerem Tragen nicht mehr in die Haut schnitten. Rot wie Blut, so lebendig leuchtet der Stein. Auch die Uhr tickt wieder: Die Welle, die Krone und Uhrwerk verbindet, hatte sich gelöst. Sie mit einem angespitzten Streichholz zu reponieren war relativ unkompliziert. Vom Rost befreit wartet das Taschenmesser scharf geschliffen auf seine Bestimmung und eine französische Salami.  Meine Fingernägel tragen Trauerränder. Und das Familiensilber ist jetzt einfach meines.

Während ich schreibe, jetzt in diesem Moment, sonnt es sich in den Lichtstrahlen, die schräg durchs Fenster hereinfallen. In der Tasse mit dem Gutenmorgenkaffee steckt mein alleiniger Silberlöffel wie das Kosakenschwert im Türkenwanst.

Ob und wem ich die familiären Kostbarkeiten dereinst vererben werde, steht in den Sternen. Die hochwichtige Bedeutung des Messerschleifens hat mein Sohn allerdings schon voll adaptiert und arbeitet an deren Optimierung.

Hauptsache, meine Schätze sind ganz nah bei mir, und ich darf sie hin und wieder betrachten, damit leben und andere Menschen an ihrem Glanz teilhaben lassen.


Und was ist nun mit der Moral?

So ist das mit ureigenen Werten, Fähigkeiten und Herzensangelegenheiten. Da wählen wir eine Gruppe, um uns zugehörig zu fühlen, bringen - als Mitgift sozusagen - unsere gesamten »Schätze« ein. Und verzweifeln, wenn selbige nicht honoriert werden. Der Clan fordert immer mehr! Das sei nicht genug! Ändere dich, passe dich gefälligst an!

Müssen wir uns immer noch mehr anstrengen, um die geforderten »Leistungen« zu bringen? Immer noch gruppenkompatibler werden? Sind wir nur gute Menschen, wenn wir uns deswegen verbiegen bis zur Unkenntlichkeit? Geht das überhaupt, ohne krank an Leib und Seele zu werden? Sollten da nicht unsere sämtliche Alarmlämpchen blinken?

Die Horde – egal ob echte oder gewählte Familie wird ihren Kurs nicht ändern. Niemals! Und schon gar nicht, um ein einzelnes, unpassendes Mitglied zu integrieren. Da kannst du auch versuchen, eine Kuh in den Handstand zu lupfen. Es funktioniert nicht!
Auch wenn du es nach Kräften versuchst.

Die Horde wird alles unternehmen, um diesen »Mia-samma-mia versus die anderen« - Status zu betonieren. In Ewigkeit Amen.

Das einzige Option, die uns bleibt, wenn wir unsere »Schätze« ihrem Daseinszweck entsprechend leuchten lassen wollen, ist die Gruppe zu verlassen! Das geht bei einer Social-Mediagruppe ganz leicht. Knopf gedrückt und Servus! Aus der eigenen Echtfamilie auszutreten birgt mehr Schwierigkeiten. Es wird sakrisch unbequem und schmerzt. Um Narben wirst du nicht herumkommen. Zugegeben, ein hoher Preis. Blöde Moral.

Was du tun könntest

Wie wäre es stattdessen, ein »Rudel« zu finden, das dich mitsamt deinem komischen Eigenglitzer wertschätzt? Vielleicht musst du dafür sehr lange laufen, ein Biosphären-Reservat finden. Ich mahne und warne: Je »eigenartiger« deine Schätze daherkommen, umso weniger wird die Findung einem gemütlichen Spaziergang gleichen. Aber keine Sorge - meine Oma hat immer gesagt: Jeder Topf findet seinen Deckel. Früher oder später. Und deinen Arsch hast du dir ja schon auf vorigen Herdplatte verbrannt. Das so zum Trost.

Es ist einzig und allein deine Entscheidung, ob dein geliebtes, seelisches Taschenmesserle rostet – oder seiner Bestimmung folgen darf. Und dich nährt mit Salamiradl'n und Frieden in Hirn und Herz.

Was ist dir dein Familiensilber wert?



Herzliche Grüße,
Manuela

P.S. Lust auf weitere schräge Geschichten? 
Lies in meinem Buch "So kann man das nicht sehen - Ansichten eines Augentiers"
http://www.tangofish.de/_so_kann_man_das_nicht_sehen.htm










Quellen:

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare

  1. Hier stand ein leider anonymer Kommentar, den ich den Blogregeln entsprechend nicht veröffentlichen konnte. Gerne darfst du den Text noch einmal unter Nennung deines Namens einstellen. Herzliche Grüße, Manuela

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  2. Ja, liebe Manuela, es ist nicht alles Silber was glänzt, aber es ist auch nicht alles nicht Silber was nicht glänzt....
    Ich kann gut nachvollziehen, was du da schreibst und auch ich weiß, dass das lila Löffelchen mehr Wert hat, als das prunkvolle Tafelsilber.
    Und zum Gruppenzwang: die Freizeit und die Lebenszeit sind zu kurz, um sie zu verschwenden, also umgebe ich mich da mit Menschen, die ich mag und vice versa. Ich muss und mag mich nicht hochdienen, um irgendwo dabei zu sein... Das interessiert mich Nüsse. Mach dein Ding und sei glücklich, denk ich, wäre die Devise. Und wenn du Gleichgesinnte findest, dann ist es schön.
    In diesem Sinne, dir weiter viele schöne Tangos und ganz liebe Grüße aus Wien Alessandra 🙃
    Und komm uns mal besuchen bitte 💐

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    1. Liebe Alessandra,

      danke für diesen wunderschönen Satz "...es ist auch nicht alles nicht Silber was nicht glänzt...".
      Eine hochwichtig-weise Ergänzung, denn ich mein' es muss nicht alles und ständig glitzerglänzen. Gerade beim Tango!
      Was wäre, wenn es nicht dieses samtige Nachtschwarz gäbe, das es auf dem Land um Mitternacht zum Fenster hineindrückt? Kennst du das?

      Ich bin immer wieder erstaunt, WIE außerordentlich wichtig es manchen Menschen zu sein scheint, einer Gruppe anzugehören. Noch wichtiger als Tanzgenuss - was ich nicht wertend meine. Das war mir schon immer a weng fremd. Aber wahrscheinlich bin ich da einfach nur naiv ;)

      Alles Gute y besos via Expresspäckle nach Wien, euch Tango-Biossphären-Reservat-Beschützer!

      Herzlichst,
      Manuela

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  3. [Der vollständige Name der Verfasserin ist mir bekannt.]

    Steffi schreibt:



    Die Geschichte erinnert mich an meine letzte Milonga: Viel zu viel Schnösel-Tangueros, die auf „meiner“ Lieblings-Milonga eigentlich nicht sein sollten - und eine unbekannte Novizin wie mich sowieso ignorierten. Dann tauchte endlich ein bekanntes Gesicht auf, mit dem ich schon mehrere Tandas verbracht hatte: Zwar hat er nur ein kleines Figuren-Repertoire und ich mag es eigentlich lieber, etwas „gefordert“ zu werden. Aber die Tandas mit ihm sind angenehm und auch sehr entspannend. Nicht erotisch und da ist auch kein Rumgebaggere im Spiel. Einfach nur gegenseitig freundschaftlich. Außerdem ist er kein Durchschnittstyp, sondern passt ebenso wenig zu den Hochglanz-Tänzern wie ich selbst.

    Prompt fing eine Zimtzicke neben mir an, über ihn zu lästern, dass sie mit diesem Typen ja so gar nicht tanzen könne, obwohl ihr das sonst nie passieren würde … Ich nutzte die Gelegenheit, mich unbeliebt zu machen (eine Spezialität von mir!) und widersprach, dass ich mit ihm sogar sehr gut tanzen könnte – und ich Gegensatz zu vielen anderen schreckten ihn die schnelleren Milonga-Stücke nicht ab. (Letzteres fügte ich mit einer gehörigen Portion Gehässigkeit hinzu, denn ich konnte mich nicht erinnern, Miss Zimtzicke jemals bei einem schnellen Tanz gesehen zu haben.) Als mich mein bekanntes Gesicht dann auch noch passenderweise aufforderte, tanzte ich doppelt gern mit ihm – wohlwissend, dass ich mich damit vermutlich noch mehr ins Abseits katapultierte. (Tatsächlich wurde ich an jenem Abend nur noch von einem anderen Mann aufgefordert.) Natürlich erntete ich dafür spitze Bemerkungen, vor allem weil wir länger und öfter als eine Tanda zusammen tanzten. Aber es war mir egal. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass dieses ganze Rumgezicke einfach nur Neid war: Denn ich tanzte während Miss Zimtzicke die meiste Zeit auf der Bank saß.

    Ob es eine Moral gibt? Nein, vermutlich nicht. Einfach nur Erfahrungswerte: Früher oder später finden sich die Außenseiter, Underdogs und Freaks. Und die Zeit, die man mit solch Gleichgesinnten verbringt ist tausendmal besser als zu irgendeinem möchtegern-elitären Grüppchen zu gehören.

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    1. Liebe Steffi,

      bitte, bitte sei weiter so mutig und behalte deine Offenheit gegenüber "Sonderlingen" bei - vor allem, wenn sie noch dazu nett sind. Der heutige Tango braucht das dringend! Und auf den "unwichtigen" Milongas, auf denen Tanzlust ein bissel weiter vorn auf der ToDo-Liste steht, wird diese Haltung sehr geschätzt.

      Herzlichst,
      Manuela

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  4. Passend zu den Kommentaren empfehle ich Gerhard Riedls Artikel "Soziologie einer Großstadtmilonga": http://milongafuehrer.blogspot.com/2018/06/soziologie-einer-grostadtmilonga.html

    und "Stiftung Tangotest: Schnöselmilongas"
    http://milongafuehrer.blogspot.com/2018/07/stiftung-tangotest-schnoselmilongas.html

    Viel Vergnügen!
    Manuela

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