Schützt die jungen und die alten Wilden!


Hast du in deiner Jugend auch "Revolution!" gebrüllt?
Althergebrachtes in Frage gestellt?
Deinen Ausbildern einen frisch-lebendigen Erneuerungswind ins empörte Gesicht gepustet?
Gekämpft gegen Missstände und ein System, das keine Experimente zuließ? (So schien es mir zumindest, damals.)
Diskutiert, debattiert - verzweifelt anrennend gegen die "Eiche rustikal-Mauern" der Spießigkeit?
Gemeint, alles - aber wirklich ALLES - besser zu wissen?
So wie das halt ist, im zarten Alter von knapp zwanzig Jahren?
Die Nase hoch droben in den Wolken und die Beine noch nicht lang genug, um den Boden zu erreichen?
Fast zerrissen zwischen dem "Machbaren" und der Ahnung, wie es sein könnte, wenn im sozialen Miteinander Respekt eine Rolle spielte?

Ich halte die Phase "jung und wild" extrem wichtig für die Persönlichkeitsentfaltung. Es gehört zum Leben, die beschützende Kinderschale ablegen. Auch wenn das die adulten Leittiere nervt "wie die Sau".


Wenn du Glück hast, wirst du "alt und wild". 

 

Eine weitere Häutung: Der Weg dorthin ist beschwerlich, vielleicht sogar mit Schmerz und Verzweiflung gepflastert. Dein Umfeld wird versuchen, dir die Flausen auszutreiben, dich zu domestizieren mit allerlei Leckerli. Fallen finden sich in Form von
  • doch noch klein beigeben / einknicken
  • dich selbst und deine Werte aufgeben 
  • dich so weit verbiegen, bis du ins System passt (logische Folge: Krankheit an Leib und Seele)
  • die (positive) Kampfenergie verschwenden an Themen, die nicht änderbar sind.
Leichter wird's nicht. Aber es lohnt sich! Schau dir zufriedene "alte Wilde" an. Es gibt noch welche, suche und finde! Kleiner Tipp: In den Nischen wird's wärmer.

Irgendwann relativierst du unterwegs deine Wertungen. Im sanften Licht der Distanz zu den Ausbildern dürfen sich ehemals starr-verachtende Haltungen vielleicht sogar in Wertschätzung verwandeln.
  • Weil du endlich verstanden hast, worum es wirklich geht. 
  • Warum du dann manche Dinge einfach kannst, die anderen so schwer scheinen. 
  • Weil du gelernt hast, das Leben und seine Geschichten auszuhalten. 
  • Weil du weißt, wann, wo und worum es sich lohnt zu kämpfen.

Meine jungen Kollegen in der Alten- und Krankenpflege heute beneide ich nicht. Sie werden -  man verzeihe mir den Ausdruck - so eingeschissen mit Standards, knappen Zeitvorgaben, Normen, Qualitätsmanagement, Doku etc., dass sie eher über's Überleben nachdenken als über's physiologische Aufbegehren. Die Bedingungen sind beinhart, Personal und Geld sind so viel knapper als zu meiner Sturm- und Drangzeit. Das heutige Gesundheitssystem gleicht einem Haifischbecken. Der Abstand zwischen "machbar" und "so könnte es sein" weitet sich auf einen Abstand wie zwischen Haspelmoor und Wladiwostok (ohne Flugzeug, zu Fuß).

Bei Vorträgen wie diesem hier erscheinen mir unsere damaligen Revolutionen wie Sonntagsspaziergänge. ("Wir wollen keine Schürzen mehr, wir wollen Hosen tragen!" konnten wir durchsetzen, yeah!)



Rückblick von "noch nicht ganz alt und wild" 

zu "jung und wild" 

Ich habe an einem ganz altmodischen, kleinen Provinzkrankenhaus gelernt. Wir Schülerinnen mussten alles putzen, was nicht bei drei auf dem Baum war: zum Beispiel in den Krankenzimmern die Nachtkasterl, die Schränke (innen und außen) und die Waschbecken.

Hättest wahrscheinlich auch gehasst. War, nein ist (!) ja nicht die Aufgabe von Pflegekräften, pah! Selbstverständlich gingen wir auf die Barrikaden! Und wie! Geputzt haben wir dann doch. Niederlage?

Heute ist mir klar, dass ich so quasi nebenher eine Menge über Patientenbeobachtung und -kontakt gelernt habe. Die Diakonissen hielten keine Vorträge über Patientenkontakt-Management ("prozessorientiert, nach was weiß ich wem"), sondern ließen uns auf diese Weise selber ausprobieren, wie's geht.

Natürlich haben wir's manchmal vergeigt. Aber wir hatten die Möglichkeit, unser Tun so oft zu wiederholen, bis wir es konnten. Damals dachte ich ja, es ginge um saubere Waschbecken ;)

In der Rückschau habe ich erfahren, wie wichtig Zuwendung für den Heilungsprozess ist. Es ist egal, ob du bei einem Gespräch einen Putzlumpen oder ein fachkraftspezifisches Gerät schwingst. Die Nähe in diesem Moment zählt. Die Nähe heilt.

 

Dialog auf Station (1990)

 

Stationsschwester: "Mädle, geh' Herrn M. aus Zimmer 5 baden!"

Schülerin: "Nach welchem Standard? Nach 'Bobath' wär doch gaaanz toll für ihn!"

Stationsschwester: "Jetzt lass das Geschwätz und schau, dass er sauber wird. Und dass er net ausrutscht, dass du net nass wirst, dass er zufrieden ist! Wie du das machst, ist mir wurscht. Und putz das Bad hinterher. Schau, dass weiterkommst! Auf!"


Der Tango (2001)


Als ich anfing, Tango zu lernen, gab es kaum Regeln. Die DJs legten auf, was sie als passend zur momentanen Stimmung auf der Milonga einschätzten. Oft sogar für meine Ohren eigenartige Stücke, bei denen die sich heutigen selbsternannten Experten mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzten. Könner tanzten mit Anfängern, Freaks mit Hausmütterchen. Zuschauen, ausprobieren, scheitern, ausprobieren, abwandeln. So lernten wir. Wild, bunt, experimentell. Hat sich verdammt lebendig angefühlt. Und richtig.


Heute...


... muss alles  im Tango und in der Heilkunde zwanghaft standardisiert werden, prozessorientiert versteht sich. So lässt es sich dann ganz easy als Vorschrift festlegen. Ob selbige praxistauglich funktioniert, tut dabei nichts zur Sache.

Die Standardvorschriftenerfinder tun dann kund, was richtig ist und was nicht. Sie besitzen ja die "Wahrheit". Die Garde der Regelbefolger marschiert fröhlich pfeifend, kontrolliert, ahndet Verstöße, macht sich breit und exkludiert unbequeme Fragensteller (trotz Inklusionsmanagementtralalala).


Wo ist er geblieben, der Raum für Experimente?

  • Für's Lernen? 
  • Für's Ausprobieren, an Grenzen stoßen? 
  • Für's Revoltieren, Rebellieren? 
  • Für's auf die Schnauze fliegen und wieder aufstehen? 
  • Für's Lautwerden und - ganz wichtig - 
  • anschließendes Verstehen - nachdenklich schweigend - gewürzt mit ein bissel Demut und Respekt? Wie soll man so Gelassenheit lernen?

Beim Tango und in der Pflege wird er enger, dieser Raum. 
Die mit "Gemüt wie Fleischerhund" wird das nicht jucken, die nutzen ihn eh nicht.

Aber in beiden Bereichen brauchen wir die Sensiblen, die Nachdenklichen, die Sanften, die revoltieren, wenn Menschenwürde und Respekt mit Füßen getreten werden.

Die jungen und alten Wilden, die peinlich genau darauf achten, dass es menschlich bleibt und lebendig.  
Dringend! 

Anleitungen stumpf im Gleichschritt zu befolgen ist nicht das Leben. Auch wenn die Anleitungsmacher so tun. Leben findet in dieser Hülse statt. Sie kann und darf nur Hilfsmittel sein, mehr nicht. Das ganze Spektrum des Lebens aushalten können und wollen inzwischen nur noch wenige. Ja, wer sonst als die Revoluzzer!

Die jungen Wilden brauchen die alten Wilden und vice versa

um sich zähmen zu lassen, so wie es in der Geschichte vom kleinen Prinzen beschrieben wird: "Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache", sagte der Fuchs. "Es bedeutet, sich 'vertraut machen'."

Du zum Beispiel! Bitte bleib!

Es gibt (noch) Biosphärenreservate für Wilde, wirklich! 
Hier, dafür und darin lohnt es sich, zu kämpfen!
Für Krankenschwestern und -brüder zum Beispiel die ambulante 1:1 Intensivpflege.
Für tapfere Tangoistas geheime Provinzmilongas, auf denen der Tangopolizei die Zunge rausgestreckt wird - stinkend vor Lebenslust! Tango mit Blut und Schweiß und Tränen!

Lass dich nicht verheizen, zermürben von Standards und unerfüllbaren Vorgaben!

Geh dahin, wo lebendiges Glitzern in deiner Arbeit oder deinem Tanz wertgeschätzt wird.

Sonst bist bald krank. Oder tot.
Bleib wild! Das ist besser.

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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Kommentare

  1. Vor ein paar Tagen hat mich eine Rückmeldung zum Artikel erreicht, über die mich besonders freue. Mit Erlaubnis der Verfasserin stelle ich sie ein, damit auch die "anderen Streiterinnen für gute Pflege" teilhaben können:

    Am 26.04.2016 um 15:25 schrieb Liliane Juchli:

    "Liebe Frau Bössel,

    (...) Ich habe Ihren Artikel mit grossem Interesse gelesen. Es gibt mir Hoffnung und Zuversicht, zu spüren, wie eine jüngere Generation mutig auf dem Weg ist und sich einsetzt für das, was die 'gute Pflege' auch heute noch ausmacht.

    So wünsche ich Ihnen weiterhin alles Gute auf Ihrem Weg, Gottes Segen und vor allem Durchhaltewillen. Davon kann man nicht genug zur Verfügung haben.

    Mir tut es immer wieder gut und macht mir Freude 'alte, wenn auch unbekannte' Kolleginnen auf diesem Weg zu begegnen und zu erfahren 'dass es sie gibt, die Streitereinnen für eine gute Pflege' der Zukunft.

    So wünsche ich Ihnen alles Liebe und grüsse Sie herzlich
    Sr. Liliane Juchli"

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Aktualisiert am 15.10.19