Das war ein Tango!

Wo man Tango überall finden kann, wenn man mit dem Herzen schaut

Wildwuchs für Feinschmecker

Das war ganz gewiss ein Tango!

Die von wahrscheinlich allen Tangofraktionen akzeptierte Definition von "Tango tanzen" lautet schließlich:

"Zwei Personen 
bewegen sich 
nonverbal kommunizierend, 
innig verbunden,
improvisierend 
zu Tangomusik".

Natürlich werden die Aspekte verschieden gewichtet. Manchen liegt die Bewegung zur Musik näher, den anderen die innige Verbindung. Was denn nun maßgeblicher sei, darüber werden Glaubenskriege geführt! Leider ist noch kein göttlicher Schiedsrichter (respektive Blitz) vom Tangohimmel herabgefahren, um die Frage endgültig zu klären.

Aber zurück zum Thema: Was ich vor ein paar Tagen erleben durfte, entspricht - obwohl äußerst pistenfern - haargenau obiger Definition!

Mein Patient liegt vegetativ wohlig schnurrend im Bett. Die Messwerte der Beatmungsmaschine, Pulsfrequenz sowie das Nachlassen der Spastiken (krampfende Muskulatur bei Hirnschäden) bestätigen meine subjektive Einschätzung seiner momentanen Befindlichkeit. Um den Herrn so durchzubewegen, wie er es gern hat, braucht es dieses tangoide Hineinspüren, und dabei erzählt er mir so viel. Wie beim "normalen" Tangtanzen erreicht mich...

Ja, was eigentlich? Präzise - also frontalkortexkompatibel in Worte gewandet - kann ich diese Eindrücke nicht beschreiben, solche Geschichten witschen elegant am Sprachzentrum vorbei. So ist das halt, wenn zwei Herzen (oder Seelen?) direkt miteinander kommunizieren. Das kennst du bestimmt, egal, welcher Tango-Fraktion du angehörst. Für meinen Patienten ist diese Sprache die einzige, die er noch zu nutzen imstande ist, da Wachkoma.

Bei der Mobilisation seines Brustkorbs kommen wir uns auch gezwungenermaßen körperlich recht nah. Im Rhythmus. Dabei erwische ich mich beim Mitsummen der Musik im Radio. In Bayern Heimat spielen sie "El Choclo"? Eina uralt-artige Version zwar, aber immerhin! Mein Irritations-Stocken quittiert er sofort mit einschießender Spastik. Das heißt "Nicht gut! Weitermachen!" Bitte sehr, bitte gleich! Auf dem Parkett würde es mir ja auch nicht gefallen, wenn mein Partner plötzlich salzsäulig erstarrt. Und unverzüglich gleitet er zurück in für ihn und mich angenehme Geschmeidigkeit.

Innig verbunden, gemeinsam in Bewegung, Tangomusik interpretierend: Tango! Eindeutig!

Wir erfüllen, glaub' ich, sogar die Kriterien für streng orthodoxe Veranstaltungen: umarmungsfokussiert mit ohne hohen Beinaktionen. Darüber hinaus halten wir uns an unsere Spur und untertreffen überdies die geforderte Geschwindigkeitsbegrenzung: Wir bewegen uns nicht vom Fleck. Bettbremse.
Nur unsere Kleidung wirkt nicht ganz tangolike. Gelber Kittel (ich) und Feigenblatthandtuch (er) würden einer Milonga-Zutrittsberechtigung doch sehr im Wege stehen...

Später erzählt mir seine Frau, dass er früher leidenschaftlicher Tänzer war. Eben!

Bei einer anderen Minimal-Bewusstseins-Patientin entdecke ich im CD-Regal ihres Zimmers eine Menge Tanzmusik - Standard, Latein und eben auch Tango - Relikte ihres Lebens "davor". Julio Iglesias versüßt uns die morgendliche Zurechtmach-Runde. Als ich sie anschließend im Rollstuhl sitzend in Tanzhaltung nehme, streckt sie sich, nimmt die Schultern zurück und das Kinn nach oben - sitzt wie eine Eins und scheint sich sichtlich wohl zu fühlen während der "Turnrunde". Zu schön, um wahr, um "Tango" zu sein? Anekdotisch? Zufall? Bei den folgenden Versuchen mit Tanzumarmung und Musik reagiert sie wie geschildert...

Auch hier sind wir innig verbunden, gemeinsam in Bewegung, Tangomusik interpretierend. Noch einen Tango gefunden, hah!

"Aber das ist doch kein Tango! Im Leben nicht!",

merkst du an? In deinem vielleicht nicht, aber im Leben dieser beiden Menschen. In meinem auch - Tango-Preziosen, die ich nicht missen möchte.

Und was ist mit den anderen Tangoistas, denen von Experten bescheinigt wird, ihr Tanz wäre kein Tango? Obwohl sie unsere obige Definition anwenden? Die haben meist sogar zwei funktionierende Beine mit unbeschädigter Verbindung zum Hirn (selbiges intakt), können sprechen, schlucken und atmen. Elegante Bewegungsmuster nicht ausgeschlossen. Tango-Normalos wie du und ich! Manche wagen es sogar, eigenständig zu denken. Obwohl ich mir von manchen Herrschaften manchmal ein bissel weniger Großhirnnutzung beim Tanzen wünschen würde...

Niemand ist superperfekt.

Jeder hat irgendwelche Narben: an Leib und/oder Seele, weniger oder stärker ausgeprägt. So ist das Leben! Das verlangt von den Tänzern Mut und von den Tangoschwestern und -brüdern Respekt. Dafür schenkt uns unser Tango im Gegenzug seine bittersüße, unvergleichliche, lebenslustige (lebenshungrige?) Würze.

Wer hat denn das Recht, den Menschen ihren Tango abzusprechen? Egal, wie unverständlich-kurios selbiger so manchem tangozelebritätischen Wahrheitsbesitzer erscheint. Das schließt Verfeinerung, Weiterlernen, an der Technik arbeiten doch nicht aus! Und ein zertifizierter Tangoführerschein ist eben nicht zwingend vonnöten.

Denn der Tango gehört all denen, die ihn tanzen.

Basta così!

Herzliche Grüße,
Manuela







* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare