Kampeln und schnäuzen!

Oder wie sich der TANGO nur mäßig erfolgreich für Werbezwecke nutzen ließ - bzw. gar nicht. Zumindest nicht dieser ...

der TANGO

"So geht das doch nicht! Wollt ihr mich ins Irrenhaus bringen oder gleich ins Grab??!"

Die Augen des Artdirectors funkeln gefährlich durch die Fenstergläser seines 2000-Euro-Kassengestells. Die subalternen Kreativarbeiter stehen bedröppelt um die Fotoecke, in der sie versucht haben, den TANGO werbewirksam in Szene zu setzen.  Im Briefing mit dem Kunden kam schon irgendwie zum Vorschein, dass diese schwarz-rot-triefende Latino-Erotik nicht mehr so ganz den Zeitgeist trifft. Ist ja auch kein Wunder bei dem angepeilten (da angejahrten) Zielpublikum. Da hätten sie ja gleich Freund Pablo ablichten können mit einem hübschen Schneckele.

Also nicht Pablo - sondern Kuscheln! (jugendlich unschuldig) und das Ganze bitte in erreichbarer! Nähe! Also unanstrengende Umsetzbarkeit! Gemächlich, hygienisch sauber und mit ohne Schwitzen. Schön halt, romantisch! In frustfreier Verpackung. Also ohne übertriebene Aufwallungen, weder sportlich noch menopausistisch noch emotional, gell!

Jetzt haben sie den TANGO gebadet, gebürstet, schnäuzen lassen, die Krallen geschnitten, falsche Wimpern angeklebt, seinen Mundgeruch mit Sheba - garniert mit einem Zweiglein Petersilie - neutralisiert, ein Schnupperkissen kredenzt, auf frisch gewaschene Sammetkissen gebettet, sogar den Zeck im Genick entfernt. Das eingerissene Ohr lässt sich ganz easy weg-photoshoppen.

Und das Vieh schnurrt immer noch nicht!

Die Praktikantin wird zum Kraulen abgestellt. Aber nur für eine Minute. Ihr Gender-Diskriminierungsgejammer lässt eine Anzeige (oder zumindest einen für die Agentur ungünstigen Post in den Sozial-Medien) befürchten. Außerdem ist ihre Hose zu eng, um länger beim TANGO auf dem Boden zu sitzen. Da schlafen ihr die Beine ein.

Die Putzfrau geht auch nicht - alter- und genderbegründet - obwohl sie die erste Wahl unseres TANGOs gewesen wäre. Leider kann dieser nicht sprechen. Sie auch nicht. Also nicht deutsch. Auf seine Wünsche gehört hätte dort eh niemand.

Austausch! Jetzt legt der Artdirector (oder heißt das "kriätiv deiräctor"?) selbst Hand an, verlangt eine Millisekunde später Desinfektionsmittel und Pflaster. Sein Blut tropft auf das rosa Kissen, das nun ebenfalls ersetzt wird. Impfpass kontrolliert, Tetanus ok. Er muss nicht sterben. Aber was ist mit multiresistenten Keimen oder gar Tollwut? Man weiß ja nicht, in welchen verkeimten Mülltonnen sich der TANGO rumtreibt... Die Crew weicht zurück, da Infektionsgefahr, nur die Praktikantin beatmet den am Boden liegenden Patienten. Ohne Kondom. Trotz gefällig arsch- und -bein-einschnürender Hose.

Und das Vieh schnurrt immer noch nicht!

Die hübsche Musik aus Romeo und Julia mag der TANGO auch nicht. Inzwischen hat er die netten Zierfransen seiner neuen katzengerechten Unterlage zerkaut. Ein Faden hängt ihm zwischen den vorhin so fein aufpolierten Zähnen.

Neuer Ansatz! Ein Weibchen! Da geht immer was! Mit W... äh Damen.
Eine der Kommunikationsdesignerinnen schwirrt geschwind nach Hause, um ihr Ziertier zu holen. Natürlich Zucht. Mit Stammbuch. Und Abo im Yoga-Cat-Center. Und sauber, weil Deo im Katzenstreu. Noch schnell Nahrungsmittelergänzungen eingepfiffen, Insulin und Tranquilizer substituiert, Kampeln und Schnäuzen nicht nötig, und dazugesetzt zum TANGO.

Und das Vieh schnurrt immer noch nicht?!

Versucht, in das Kissen zu kriechen, Eingang freigebissen. Füllung verteilt wie Frau Holle.
Der Boss rauft sich die nicht vorhandenen Haare, da Glatze. Wischt sich Praktikantinnen-Spucke von den Lippen. Lassen sich wirklich auch schon Männer tatoo-schminken? Oder war der Lippenstift kussecht?

Idee! Warum überhaupt das räudige Vieh ablichten? Viel zu viel Aufwand! Sowas will doch kein Mensch sehen! Keiner möchte dabei sein, wenn sich Meister Propper die Heldenbrust enthaart!

Gebt der Designer-Katze noch ein bissel was zum Lächeln! (Drogen? Welche Drogen? Wir doch nicht!) Der Kameramann borgt sich robuste, ellbogenlange Handschuhe vom Hausmeister, entfernt das fauchende Vieh vom Paradekissen und stopft es in die Transportschachtel. Es sei gesch... auf Pablos Referenzen!

Nochmal neues Kissen. Staubsauger für die Praktikantin. Das Foto-Set Herrichten stellt keine Diskriminierung dar!

Soll sich doch um das unerhört unerzogene Stinke-Vieh kümmern, wer will! Man erwischt mich mobil, ich erhalte den Befehl zur sofortigen Entfernung des TANGOs aus den heiligen Hallen. Spurte los, schnappe in der Garderobe TANGOs geliebtes kleines Motorradl und parke im Halteverbot.

Es rappelt im Karton. In der Inszenierungsecke wabert Kunstnebel. Das Katzen-Modell 2 ist zu breit, um zu husten. Kreativkönig und Kreativ-Fußvolk frohlocken ob der Nutzbarkeit des Alternativ-Abbilds. Das wird so schön! Sauber und so leicht, so frisch, so vegan, so romantisch! So romantisch, wie eine bekiffte Katze halt sein kann. Die würde sogar den Romeo küssen!

Der TANGO braucht jetzt erstmal Frischluft und die Nacht. Vollmond. Boden unter den Füßen. Straßendreck. Im Treppenhaus trennt mein altes Taschenmesser die Klebestreifen mit Leichtigkeit, und der TANGO samt seiner Wut quillt heraus. Mit gesträubtem Fell und Rotznase. Er gehört ja nicht dem Schrödinger.

Je weiter wir uns von der Agentur im dritten Stock entfernen, absteigen in die unteren Etagen, um so deutlicher sieht man den drohenden Verfall der alten Fabrik. Die mageren fünf Euro Gage (Münzen, ebenfalls im Karton gefunden) werfe ich in den Briefkasten der Obdachlosenhilfe im Erdgeschoss.

Von den Wänden blättert die Farbe. Staubmäuse blinzeln uns zu. Ich bin müde und deoverlassen, komme gerade von der Arbeit. Das Leberwurstbrot aus der Manteltasche, mein Vesperle, zu dem mir die Zeit fehlte, teile ich mit dem TANGO. Auf den staubigen Stufen sitzend. Draußen ist es zu kalt. Die Vorstadt stinkt sich herein, im Duett mit den im Mondlichtstreifen wohnenden Melancholie-Gespenstern.

Der TANGO - mein (?) TANGO - springt mir auf den Schoß, köpfelt, tretelt, haart, trielt Katzenspucke vermengt mit Leberwurstbrot-Bröseln. Und wärmt meinen Bauch. Und schnurrt. Ein bissele ungleichmäßig schräg. Wie ein magisch geöltes Uhrwerk, das die Zeit anhalten kann. Wenn er will.


Herzliche Grüße,
Manuela

Inspiriert von "Weichzeichner-Tango" (Gerhard Riedl)
http://milongafuehrer.blogspot.com/2018/11/weichzeichner-tango.html







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Kommentare

  1. Dein armer TANGO. Was hat dich geritten, den für so ein Werbeshooting herzugeben?

    Ich hab ja auch (wie du wohl weisst) so einen recht wilden TANGO, der hätt sich (glaub ich) mit Krallen und Gebiss gegen so eine Zumutung gewehrt ... ;-)

    Ciao, Robert

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    1. Lieber Robert,

      "mein" Tango ist - wie es im Tierheimjargon so schön heißt - Freigänger. Wenn man überhaupt von "meinem" sprechen kann. Einen TANGO kann man, so glaube ich, nicht besitzen. Er wohnt halt manchmal bei mir und teilt mir nicht immer mit, wo er sich gerade so rumtreibt... (Momentan hockt er mit Gerhard auf dessen Couch und guckt Arquimbau-Videos.) Im Notfall muss ich das Vieh halt abholen und die Kastanien aus dem Feuer klauben...

      Herzliche Grüße auch an den Deinigen
      Manu

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    2. Hi Manu,
      "mein" TANGO natürlich in dem Sinne "der hat sich bei mir eingenistet, und ich werd den nicht mehr los" ;-)
      Wo sich meiner heute rumtreibt, weiss ich gar nicht ...

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