Von zweien, die das Führen nicht fürchten

Interview: Gerhard Riedl befragt führende Frauen

Lilly mit Führungs-Sombrero


Sind Frauen, die führen "komisch" oder gar "gefährlich"? Und warum tun sie das?  Dürfen sie es denn überhaupt? Wie geht das? Haben sie praktische Tipps zur gefälligen Umsetzung parat? Diese Fragen scheinen die Tangoszene im Moment umzutreiben. Drum hat sich Gerhard Riedl zwei "Täterinnen" gegriffen - nämlich seine Frau Karin Law Robinson-Riedl samt meiner Wenigkeit - und ausgequetscht. Das Ergebnis: eine Unterhaltung über pragmatische Ein- und Ausblicke zum weiblichen Rollengewechsel im Tango.

Dankeschön an Karin, geschmeidige Lady Sammetpfote, für die Beteiligung am Interview und die vielen schönen Tangos! Merci an Gerhard für Begleit-Kaffee und Transkribierung!

Und nun: Bühne frei für Gerhard Riedl!

*****
Kürzlich habe ich meine Erfahrungen mit „führenden Frauen“ im Tango in einem Artikel verarbeitet:
http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/07/magst-du-fuhren.html

Doch man sollte die Damen selber zu Wort kommen lassen! Daher habe ich mich sehr gefreut, dass sich zwei von ihnen zu einem Interview bereitfanden: Meine liebe Ehefrau Karin Law Robinson-Riedl und unsere Freundin, die hiesige Blog-Wirtin Manuela Bößel.

Was den Tango anbetrifft, eint uns so manches – neben Musikgeschmack und tänzerischen Vorlieben sicherlich die Zeitspanne, in der wir diesem Hobby frönen: jeweils zirka 20 Jahre. Da sollte es doch etwas zu berichten geben!

Meine Damen, vor wieviel Jahren habt ihr mit dem Führen begonnen, und was waren eure ursprünglichen Motive dafür?

Karin: Es war um 2008, da lief schon unsere erste Milonga in Pfaffenhofen. Das ursprüngliche Ziel war es, den damals häufigen Männermangel etwas auszugleichen, selber führen zu können, um so unsere weiblichen Gäste zu betanzen.

Manuela: Ich habe ein oder zwei Jahre später mit dem Führen angefangen – Gott sei Dank konnte es da Karin schon einigermaßen und sie hat mir einiges beigebracht. Bei mir war es eigentlich das Gleiche: Keine Lust, bei Männermangel sitzen zu bleiben!

Bestehen diese Beweggründe heute noch genauso oder hat sich da etwas verändert?

Manuela: Nee, heute ist es ja selbstverständlich, dass ich auch einfach auffordern kann. Das hat mit dem Männer-Anteil nichts mehr zu tun. Ich bin einfach da und kann tanzen. Natürlich freue ich mich, nicht auf Männer angewiesen zu sein.

Karin: Bei mir ist auch ein gewisser Spaßfaktor dazugekommen – je mehr man kann, desto interessanter wird das Führen. Aber die Haupt-Motivation ist schon, den Geschlechter-Ausgleich, was Führen und Folgen betrifft, herzustellen.

Wie habt ihr das Führen gelernt?

Karin: Ich habe damit spontan angefangen, dann besuchte ich zwei oder drei Wochenend-Seminare. Auch Gerhard hat mir einiges gezeigt, aber das eigene Probieren mit verschiedenen Partnerinnen stand im Vordergrund.

Manuela: Bei mir war es ähnlich, ich habe allerdings überhaupt keine solchen Kurse gemacht, sondern ganz unverschämt Schritte geklaut (unter anderem auch von Gerhard) und viel in der führenden Rolle getanzt, was ich immer mehr schätzen lernte. Man verbessert dadurch ja auch ganz allgemein seine Technik wie das Stehen in der Achse.

Wie sieht das auf den Milongas aus – zu welchem Prozentsatz tanzt ihr durchschnittlich mit Frauen bzw. Männern?

Karin: Ich würde sagen, zu 30 Prozent mit Frauen, zu 70 Prozent mit Männern.

Manuela: Kommt natürlich auf die konkrete Geschlechterverteilung einer Milonga an. Im Schnitt wohl inzwischen halbe-halbe.

Was ist für euch das Schwierigste am Führen?

Karin: Der Musik gerecht zu werden – gerade, wenn sie etwas schwieriger und komplexer ist. Auch ist mein Repertoire nach wie vor begrenzt, so dass ich nicht meine, alles vertanzen zu können, obwohl es wünschenswert wäre. Ich habe aber auch nicht den Ehrgeiz, mir noch die hundertste Variation draufzuschaffen.

Manuela an Karin: Tanz mal mit dir "Oblivion"! Da unterschätzt du dich heftig!

Manuela: Mir fällt es am schwersten, Techniken zu lernen, wo man eine Partnerin „angehen“, in ihren Schritt hineintanzen muss, ihr Platz wegnimmt. Das braucht es zwar manchmal, ist aber für mich schwierig. Problematisch ist auch das ganz enge Tanzen - vor allem, wenn die Dame größer und schwerer ist als ich - ja, ich weiß, keine Kunst. Und halt zudem suboptimal selber steht...

Handelt ihr euch auch mal Körbe von Frauen ein? Und wenn ja – in welcher Häufigkeit?

Manuela: Ja, aber sehr selten. Insgesamt waren es, glaube ich, drei Körbe, aber das waren dann ganz klare Aussagen von Frauen, die gemeint haben: Ich tanze nur mit Männern! Hätte ich auch vorher selber merken können…

Karin: Das geht mir genauso. Ich kann mich nur an einen Fall erinnern, da lautete die Begründung genauso.

Wie reagieren Männer bzw. Frauen auf eure Aktivitäten? Bekommt ihr Ressentiments gegen euren Rollentausch mit?

Karin: Offen nicht. Ich bin sicher, dass es Ressentiments gibt – bei Männern, auch teilweise bei Frauen. Aber man hat mir noch nie gesagt: Das passt mir nicht, dass du führst.

Aber dass vielleicht manche Männer nicht mehr mit dir tanzen?


Karin: Ein einziges Mal hat mir ein Mann zu verstehen gegeben, das Führen beeinträchtige die weibliche Rolle. Mag sein, dass dies zutrifft, wenn man mit dem Führen beginnt. Eine Zeitlang wird man als Folgende vielleicht ein wenig zu „energisch“. Aber irgendwann kann man die beiden Rollen wieder voneinander trennen.

Manuela: Ich bemerke das schon, dass mich bestimmte Tänzer überhaupt nicht mehr auffordern, kein Interesse mehr an mir haben. Das ist okay. Aber im Gegensatz dazu sagen mir viele Männer, sie fänden das toll, wenn eine Frau auch führen kann, weil sie dann – wenn ich wieder in der anderen Rolle tanze – diese Kreativität und Eigeninitiative schätzen. Frauen kritisieren nicht offen, aber manchmal ahne ich den Vorwurf: Ja, die kommt einfach und nimmt sich, was sie will!
Und ein Mann hat mir einmal gesagt: Ja, wenn ihr untereinander tanzt, bleiben für uns noch weniger Frauen übrig!

Karin: Aber andererseits gibt es auch viel Anerkennung von Frauen für das, was man kann, und nicht gezwungen ist, herumzusitzen. Manche regt es auch dazu an, selbst führen zu lernen.

Manuela: Und sie freuen sich, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, auch zu tanzen, obwohl zu wenig Männer da sind oder nur… (von der Zensur gestrichen), die dann sicher keine Anfängerinnen auffordern.

Gibt es auch mal Männer, die von euch geführt werden wollen?

Karin: Ja, hat es gegeben. Das ist nicht immer leicht, wenn ein Tänzer noch ganz am Anfang des Rollenwechsels steht. Männer sind als Folgende oft „widerspenstiger“ als Frauen.

Manuela: Ja, doch – das sind Tänzer, die routinemäßig beide Rollen tanzen. Auf den normalen Milongas nicht so oft, aber es gibt gelegentlich Leute, die das gerne mal ausprobieren. Und ich hatte Partner, die neugierig waren, ob ich das auch kann, was sie können – und dann oft mehr ins Schwitzen kommen als ich.

Karin: Abgesehen von meinem Ehemann, der sich auch manchmal führen lässt, aber das ist nicht so einfach…

Manuela: Jep, a bissele widerborstig... Und a weng unkommod, das "langstakslige Hundsfressen" wie meine Oma sagen würde.

Die Zahl von Tänzerinnen, die sich über das Herumsitzen beklagen, ist sicherlich höher als die von Frauen, die es mit dem Führen versuchen. Wieso gehen nicht mehr Tangueras euren Weg?

Karin: Ich glaube, dass sie eben diese Ressentiments fürchten und sich das Führen auch nicht zutrauen. Es kommt halt auf den Stand der Fähigkeiten an. Anfängerinnen glauben eh nicht, dass sie überhaupt etwas können, dass ihnen genug einfällt, dass sie das Manövrieren auf dem Parkett hinbekommen – ich glaube, dass einfach zu viele Ängste herrschen, die aktive Rolle zu übernehmen.

Manuela: Die haben ja oft schon Angst in der folgenden Rolle, empfinden sich als „Zumutung“ für den Partner. Und ich glaube, viele scheuen auch die Arbeit – da gehört dann schon eine Konsequenz dazu, dabeizubleiben und immer wieder zu üben. Das ist manchen einfach zu viel.

Wenn auf einer Milonga eine „Damenwahl“ ausgerufen wird: Fordert ihr dann eher eine Dame auf oder wartet ihr auf einen Herrn?

Karin: Ich fordere nur ungern bei Damenwahl auf, das erinnert mich zu stark an alte Zeiten, wo ich auf sehr traditionelle Bälle ging. Mit Tango hat das für mich primär gar nichts zu tun – und dass dies wieder in Mode kommt, verwirrt mich irgendwie. In unserer Anfangszeit wurde uns gesagt, dass beim Tango Frauen und Männer grundsätzlich beide auffordern können. Wozu dann eine spezielle Damenwahl? Ich warte meist, bis alle Damen gewählt haben und tanze dann entweder gar nicht oder vielleicht mit jemand, der übrig bleibt, egal, ob männlich oder weiblich.

Manuela: Ich sabotiere die Damenwahl immer, weil‘s Damenwahl ist, weil ich das eine total bescheuerte Aktion finde. Meistens bleib ich trotzig-bockig sitzen – und oft kommt dann einer angewackelt, der sich dann auch freut, der wählt eine "Dame" (wenn auch mit Abnähern), dann haben wir auch eine Damenwahl, und alle sind glücklich!

Was war euer bemerkenswertestes (lustigstes, seltsamstes) Erlebnis beim Führen?

Manuela: Es gibt immer wieder schöne Erlebnisse, wo ich mir dann beispielsweise denke: Waa, solche Ochos, da könnt‘ ich mich reinlegen, können wir nicht einfach die ganze Zeit solche Ochos tanzen?
Und einmal hat mich einer aufgefordert, der sehen wollte, ob ich das auch kann und wie sich das anfühlt, wenn ich führe. Am Anfang war er eher skeptisch, und dann – es war eine sehr schnelle Milonga – war er total verblüfft, wie schnell man Milonga tanzen kann!

Karin: Am interessantesten ist für mich dieser Rollenwechsel, also dass man, falls die Partnerin/der Partner auch führt, abgeben kann, wenn einem einfach nichts mehr einfällt. Das ist total lustig. (Manuela zeigt Daumen hoch und grinst.) Ebenso habe ich sehr gelacht, als Gerhard einen Geburtstagswalzer bekam und ihn ein Tangolehrer mit den Worten aufforderte: „Aber du führst!“

Meine Damen, ich danke euch ganz herzlich für dieses Gespräch!
*****

Lustigerweise musste ich im Nachklapp-Nachdenk feststellen, dass "Führen" bei mir eine zwingende, logische Konsequenz in der Tangotanzentwicklung darstellt. Beide Rollen ganzkörperlich begreifen - nicht nur großhirnisch kapieren - zeigt, wie man es als Folgende dem Partner leichter und wohliger machen kann, wie gemeinsame Bewegungsabläufe "funktionieren". Und wie gesagt, Tanzen mit "großem Gerät" und wunderbaren Wuchtbrummen stabilisiert die Balance ungemein...


Herzliche Grüße,
Manuela








* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare

  1. Hi Manu,

    unerschöpfliches Thema "Führen und Folgen" ;-)

    Ich muss mir grad eine Gedankennotiz machen, den nächsten Schritt zu gehen, und aus dem Tango einen "richtigen" Dialog machen ...

    In früheren Zeiten hatte ich das schon mal mit E. (da hatte dann mal jemand zu uns sinngemäss gesagt: euch zuzuschauen ist interessant, da kann man immer raten, wer grad führt ;-) ), ist allerdings leider zwischenzeitlich eingeschlafen. Mal sehen ob und wie ich das (auch mit anderen Partnerinnen, die zu sowas bereit sind) umsetzen kann ...

    Ciao, Robert

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, dann auf zu neuen Taten, tapferer Ritter!
      Herzliche Grüße
      Manu

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über Gespräche mit echten Menschen, die auch einen Namen haben. Du darfst bei "Kommentar schreiben als..." auch ggf. "anonym" wählen, wenn du im Text deinen Namen nennst. Komplett namenlose Kommentare werde ich nicht veröffentlichen - ebenso Beiträge, die persönliche Herabsetzungen oder gar Beleidigungen enthalten.
Kommst du mit der Kommentarfunktion nicht zurecht?
Du darfst mir deinen Kommentar auch gerne einfach per E-Mail schicken. Ich stelle ihn für dich unter deinem Namen ein. (post@tangofish.de)