Bravo Tango bávaro

Pablo auf einem neuen Weg zur Erleuchtung



Meine Nase bremst Millimeter vor einem fulminanten Dekolleté, welches sich allerdings - bedeckt mit zartem Leinenstöfflein nebst künstlichen Steckröschen - zu kaschieren versucht. Eigentlich wollte ich noch geschwind den Müll zur Tonne bringen, bevor es ganz dunkel wird, und mich einem faulen Fernsehabend (Tatort!) hingeben. Auf dem Sofa. In Daheimrum-Gewand. Mit Kirschkernsäckle. Und Chips.

"Lieb, dass du mir gleich aufmachst!", flötet das bedirndelte PRACHTWEIB auf meinem Fußabstreifer, schiebt mich beiseite und stöckelt an mir vorbei Richtung Schlafzimmer. Der Müllbeutel pflatscht auf die Fliesen.
"Ich hab nämlich keinen Spiegel daheim, in dem ich mich GANZ anschauen kann."
"Ja, is' denn heit scho' Softporno?" verkneife ich mir tapfer angesichts der Absätze, die so lang sind wie mein Unterarm. Echt waffenscheinpflichtig.
Da stolpert die Dame über meine Pantoffeln und setzt einen Guss Flüche in heiserem Bariton ab, die mir bekannt vorkommen.

"Pablo? Pablo!" Mein alter Freund und Seelenbruder.
"Kannst du mir bitte den Reißverschluss hinten ganz hochziehen? Da komm ich nicht hin..."
Ich sag jetzt lieber nix und tu' wie mir geheißen.
"Fesch, gell?"
Sein Selfie-Gesicht grinst mir aus dem Spiegel entgegen, während er verschiedene posing-positions ausprobiert, garantiert von einem Youtube "Mode und Livestyle"-Kanal (Zielgruppe: Pubertinistinnen) abgekupfert.

"Meinst, das geht so mit den Wimpern?"
Sehr lang, schwül-dicht-schwarz, künstlich wie die Sau. Aber - zugegegben - fachmännisch geklebt. Da kann meine Wimpernzange nicht mithalten.
"Ob man meine Augen noch siehiet?! Mirada?!" [Übersetzung für Non-Tangoistas: Als Frau guckst du den Mann deines Tanzbegehrs so lange und total intensiv an, bis er dich auffordert.]
Ich nicke cabeceo-like. [Cabeceo: Wenn du Glück hast, bekommst du ein kleines, distinguiertes Nicken des Blickgetroffenen geschickt - quasi der Ok-Button zum gemeinsamen Tanz.]
Pablo atmet Nebelwölkchen auf sein Spiegelbild, duftend nach Erdbeer-Kaugummi. Er wirkt beruhigt.

"Und was soll das jetzt werden?"
"Dirndl-Milonga!" Falsett, geblümelt. Pirouette. Kleid: rosa. Aus dem Fernseher schallt die Tatort-Titelmelodie. Mist. Pablo pappt seinen Kaugummi an meinen Bettpfosten.

Seit seiner Urlaubsaktion - mal wieder so ein Ferien-Achtsamkeitseminar, diesmal in Starnberg - habe ich ihn nicht mehr getroffen. Es ging um "Wurzeln mit Flügeln authentisch verbinden" und verschiedene Persönlichkeitsanteile. Man solle, um ein großartiges Erfolgs-Mindset zu entwickeln, innere Kinder und sonstige unbewusst Inne(n)wohnende versöhnen und integrieren. (Oder inkludieren. Den Unterschied habe er nicht so genau verstanden.)

Da wäre es doch geschickt, "Wurzeln" sowie seine intern-unbewussten Frauenzimmer gleichzeitig zu bearbeiten. Tatort: Dirndl-Milonga! Außerdem passt er nicht mehr hinein in seine Lederhose. Bingo! Seine Augen leuchten hochmotiviert, und er greift sich eine Handvoll Chips aus meiner Tüte. Pablo hat große Hände.

"Ich dachte, deine 'Wurzeln' wohnen in Hettenbach?"
"Auch die Augsburger Vorstadt ist Bayern! Do bin i d'hoim."
Nun gut, für gewöhnlich spricht er relativ hochdeutsch. Aber trägt man in Hettenbach Tracht? Ich hätte eher auf Jogginghosen tschechischen oder türkischen Ursprungs getippt.
"Du musst deinem Unterbewusstsein schon starke Impulse liefern, dass es auch kapiert, welche Problembereiche du da grad anschauen willst."
Ich kann mir nicht vorstellen, dass zumindest sein Inneres farbenblind sein könnte - was im Moment vielleicht aber gesünder wäre. Was war das nur für ein Kaugummi? Oder eher Pattex mit Erdbeeraroma?

Und muss man dem Tango auch noch plärrend-laute, alkoholabatmende Wies'n-Glückseligkeit auf den Buckel binden? Reicht seine ganz normale hettenbachische Alltags-Arrabalität denn nicht? Bravo! Tapferer Tango! Aber diesen Gedankengang behalte ich lieber für mich. "Erleuchtung finden" ist für Pablo halt sehr wichtig.

Ich streife ihm Chipsbrösel vom Kinn. Für sein Vorhaben hat er sogar Bart und Koteletten epiliert. Sonst würde sein Bartschatten durch das Make up scheinen.
"Krieg ich ein bissel 'Tango' von dir?"
"An der Aufforderung musst aber schon noch arbeiten. Mit so einem Satz gehst du bestimmt nicht weg, du Milchsemmel."
"Nein, du willst mich nicht verstehen..." Na, zumindest diesen hochweiblichen Satz hat er gut drauf. Und schon steht er in meinem Bad und besprüht sich ausgiebig mit meinem Lieblingsduft. Ich erwähne die nächste Geschenkmöglichkeit - Weihnachten - und dass man "Tango" prima im Internet bestellen kann.

Er könnte wirklich Erfolg haben als "Paolina". Sein (ihr?) Habitus bedient eine Vielzahl männlicher Trigger. Kein Wunder, er weiß ja, welche Knöpfe er drücken muss. Aber erlebt er so wirklich "weibliche Identität"? Oder nur die Reflexion dessen, was Männer in Frauen sehen (wollen)? Trotzdem ist er damit schon sehr nahe an der heutigen Milonga-Realität. Natürlich wollen wir Frauen schön und begehrenswert daherkommen, damit uns einer der Kerle auffordert. Wir sind ja auch nur Menschen. Obwohl wir das - emanzipiert wie wir sind - vehement bestreiten.

Was soll's? Mutig finde ich sein Experiment allemal. Und spannend. Aber das gebe ich nicht zu.
Er fährt sich durch sein langes Haar, das er heute zu weichen Locken gedreht, offen trägt.

"Was machst du, wenn dich trotzdem keiner auffordert?"
Diese Möglichkeit sehe ich durchaus: Bei fast zwei Metern Prachtweib am Stück, das auch noch hervorragend tanzt, könnte der eine oder andere Mann den Mut verlieren.
"In der Einladung steht: 'Bei uns dürfen auch Frauen auffordern!'"
Dann kann ja nix mehr schiefgehen.

Doch, eine Ermahnung braucht er noch: Als routinierter Hosengewandeter muss er strikt drauf achten, ganz bewusst seine Knie beisammen zu halten! Dieses Problem kenne ich, hab' ich auch.
Und nein, ich will nicht mit. Ich erscheine nicht auf Veranstaltungen, die mir das Recht, meine Gosch'n zu benutzen, als außerordentliche Rarität verkaufen wollen. Außerdem: Tatort.

"Eine echte Lady fährt fei im Taxi vor, gell?"
Das leistet er sich heute als Erleuchtungsinvestition. Ich winke ihm vom Fenster aus nach. Auf dem Trottoir bleibt er mit seinem spitzen Absatz in einem fauligen Apfel stecken. Er puhlt ihn vor sich hingrummelnd ab und wirft ihn unmädchenhaft weit in die Auwiesen gegenüber. So ein matschiges Obstpräsent hätte eh kein Adam angenommen.

Einen Tag darauf berichtet er mir telefonisch und abgeschminkt. Er sei wirklich oft aufgefordert worden, der * hätte ihm sogar an den Hintern gefasst. (Darauf muss Pablo sich aber wirklich nix einbilden, der * probiert das bei jeder "jungen Schönen". Die nicht mehr ganz so Jungen und nicht mehr ganz so Schönen beliebt der Besagte mit Geschwätz über "Stil" zu beeindrucken.)

Enttarnt wurde mein schwesterlicher Seelenbruder leider dann doch: Das Genderbewusstsein bezüglich körperlicher Entleerungsvorgänge verharrte im maskulinen Modus, ließ ihn durch die zugehörige Tür marschieren, um sich fachmännisch einzureihen. Und den Ausschlag gab nicht das Dirndl, sondern der Blick seines rechten Nachbarn nach schräg links unten:
"Ach du bist das, Pablo!"


Herzliche Grüße,
Manuela









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