Mein Haar gehört mir

Aus dem Tagebuch einer Feministin

(Ein Gastbeitrag von Peter Ripota)


Illu: Schüttel dein Haar für mich! (Manuela Bößel)


Der geschätzte Blogger-Kollege hat uns einen feinen Text zugespielt, über dessen geheimnisvolle Herkunft er sich allerdings ausschweigt. Vielleicht aus Wien? Nix genaues weiß man nicht...
Viel Vergnügen beim Lesen! Und jetzt: Bühne frei für Peter Ripota!

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Bei dieser Milonga weit draußen außerhalb der Stadt sind normalerweise nur Paare, die ich kenne. Diesmal kam auch ein Paar, das behauptete, es sei aus Deutschland, was aber nicht stimmen konnte, denn er sprach astreines Wienerisch. Immerhin sah er ordentlich aus: kein gestreiftes Piraten-Unterhemd (wie Eugen), keine alpinistische Kniebundhose (wie Erwin), keine modistischen weißen Turnschuhe (wie Ewald), dafür ordentliche lange Hose, ein ordentliches Hemd mit langen Ärmeln, das sogar in der Hose steckte, und Schuhe, die wie Tanzschuhe aussahen, nicht wie Latschen oder Sneakers. Tanzen konnte er auch, besser als so mancher Dauerbesucher dieser Milonga. Und taktvoll war er, im wörtlichen Sinn. Oder auch sonst. Dachte ich.

Aber dann geschah es. Plötzlich blieb er mitten im Tanz in einer Ecke stehen und sagte, mein Haar streife sein rechtes Auge, er könne nicht mehr sehen, wohin die Reise gehe, und das wäre fatal, schließlich wäre er für uns beide verantwortlich. Nachdem er mit dem Gelaber fertig war, sagte ich, die ich stolz auf meine Haaresfülle bin: Ich weiß, das haben andere auch schon gesagt. Und dann streifte ich mein Haar auf der linken Seite zurück und hoffte, dass er nun problemlos weiter tanze. Nichts dergleichen.

Denn jetzt war ihm das auch nicht recht. Mein Haar fühle sich so angenehm an, so weich und anschmiegsam, das wolle er schon spüren, nur eben nicht im Auge. So strich er, ohne mich zu fragen, mein Haar wieder nach vorne und wollte seinen Kopf wieder an den meinen lehnen. Aber nicht mit mir! Das war eine Unverschämtheit, einfach mein Haar anzufassen. Mein Haar gehört mir, da darf keiner ran außer meinem Frisör und meinem Liebhaber. Also nur mein Frisör, mit Liebhaber ist derzeit nichts, sonst wäre ich nicht so oft beim Tango. Jedenfalls nahm ich mein Haar wieder zurück, und er fasste es wieder - und so hätten wir uns weiter nonverbal gestritten, wäre nicht ein anderes Paar in uns hineingerumpelt, denn so ganz in der Ecke standen wir nicht.

Das ergab einen Waffenstillstand für einen Tanz, danach fing er wieder an. Diesmal hatte er sich etwas Raffiniertes ausgedacht: Nachdem es ihm wieder gelungen war, mein Haar aus seinem Auge, aber an seine Wange zu platzieren, drückte er meinen Kopf so stark an den seinen, dass ich mit meiner Hand nicht dazwischen kam. Ich versuchte, den Kopf zu schütteln, ging aber nicht, wegen Kopfverdrehschraubstock. So kämpften wir uns durch den zweiten Tango, und beim dritten gab er seine Angriffsversuche auf, und ich meine Verteidigung. War nicht mehr nötig, mein Selbstbestimmungsrecht über meinen Körper (zu dem schließlich auch meine Haare gehören) hatte gesiegt.

Als höflicher Mensch bedankte ich mich bei ihm, und er bei mir. Warum ich mich dann noch einmal, und später sogar zu einer dritten Tanda auffordern ließ (obwohl seine Frau darauf wartete, endlich mal wieder mit ihm tanzen zu können), weiß ich auch nicht. Vermutlich aus Höflichkeit. Meine beste Freundin Erika, die uns beobachtet hatte (weil keiner mit ihr tanzte), und der ich meine Empörung nachher offenbarte, meinte zwar, ich hätte recht fröhlich, um nicht zu sagen selig dreingeblickt, von "unangenehm" sei keine Rede gewesen, von "Kampf" erst recht nicht. Aber was die so sagt, die kennt mich nach zehn Jahren Freundschaft überhaupt nicht. Natürlich hab ich alles ertragen, natürlich hab ich keine Tanda abgebrochen, natürlich bin ich ihm am Ende nicht gleich davongerannt, das gehört sich alles nicht. Aber angenehm? Die Berührung eines höflichen, gut aussehenden, gut gekleideten, gut riechenden, rücksichtsvollen, zurückhaltenden, tänzerisch begabten und musikalisch versierten Mann angenehm finden - nicht mit mir!

Wo kämen wir da hin, wenn uns Frauen gefällt, was Männer uns antun. Und die Beleidigung, meine Haare fühlten sich angenehm an, werde ich ihm auch nie verzeihen. Es war als Kompliment gedacht, meinte Erika. Ha! Meine Haare gehören mir, und wie die sich anzufühlen haben, bestimme immer noch ich.

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Ja, so kann es gehen. Versteh da einer die Frauen...
Vielen Dank an Peter Ripota! 
Herzliche Grüße,
Manuela







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