Pablo klärt mich auf

Von versteckten Pornoheftle und Tangasmus

"Lass mich in deinem Bettchen schlafen!" spricht DER TANGO

Wir sitzen in der Sonne und füttern Schwäne mit trockenen Brotresten. Meine heutige Mission: Pablo ausquetschen über Männer und Sex. Und/oder Erotik. Und/oder Sinnlichkeit. Alternativ habe ich die Begriffe "sensual" und "sexual" im Gepäck - falls der Gute zu verklemmt ist, um in seiner Muttersprache darüber zu sprechen.

Nebeneinander sitzen - nicht von Angesicht zu Angesicht! - und irgendwas tun (in unserem Fall mit Brotstückchen auf fette Wasservögel zielen) macht es Männern leichter, kundzutun, was sie bewegt. (Funktioniert auch prima mit meinem Sohn. Beim gemeinsamen Kochen o.ä. erfahre ich weit mehr, als wenn ich ihn direkt fragen würde "Wie war's in der Schule?")

Trotz der sorgfältig arrangierten Dramaturgie fällt es mir nicht leicht, einen tauglich-unverfänglichen Einstieg zu finden. Aber da muss ich jetzt durch! Das Thema verfolgt mich zurzeit, und meine Hirnwindungen glühen in Lösungsnot. Außerdem praktisch: Sex sells. Pardon.

Peter Ripota (hochgeschätzter, tangophiler Co-Autor) meint, er könne es nicht lassen zu fragen, warum sich Frauen immer wieder auf routiniert-bekannte Verzupfer einlassen und Schlimmes erleben. Im Anhang fliegt ein Spiegelartikel mit über den Skandal in der schwedischen Akademie, in dem Betroffinnen zu Wort kommen. Was ich dazu meine? Außer "Echt krass, wie kann die nur so naiv sein!" fällt mir nichts ein. Im Moment. Aber das kann's ja nicht gewesen sein!? Solche internen Gedankensperren beunruhigen mich sehr. Da muss doch mehr dahinterstecken!

Auf Thomas Kröters Blog lese ich dagegen wahnsinnig achtsame Bekundungen zur Geschlechtlichkeit speziell im Tango, die mich ebenso verwirren. Interessanterweise äußern sich nur Männer zur "Diffizilität des Terrains". Kann man wirklich jeglichen Aspekt von Sex beim Körperkontakt ausschließen? Müssen dafür neue Begrifflichkeiten auf den Plan wie "Tangasmus"? Einer der Kommentatoren schreibt sogar, dass er den Erotik-Faktor noch nie beim Tango erlebt habe. Echt? Der Arme!

Auf einer Milonga komme ich nicht umhin, dass Gesprächsfetzen in mein Ohr dringen:
Er: "Also die [...] tanzt wie eine Feder! Diese feine Musikalität! So kreativ! Ochos zum Hineinlegen..."
Sie schmollt exzessiv. Wendet sich ab. Deutlich zu erkennen: Da geht postmilongisch nix mehr.
Er: "Aber DU bist doch die einzige Frau auf dieser Milonga, die mich interessiert!"
Sie lächelt. Wendet sich ihm zu. Küsst ihn.
Glaubt sie ihm das wirklich? Die "echte" Motivation für seine Aussage hängt doch in Leuchtbuchstaben und Fettdruck über seinem glattrasierten Schädel. Seine Hand auf ihrem Knie. Und Oma flüstert mir ins Ohr: "A Mo, der heifa Weiba kennt, hot Hoor am Sack und net am Grent." Echt krass! (Diese zwei und Oma).

"Du, Pablo, auf der Milonga letztens... Hast du das Paar bemerkt, das neben uns gesessen ist?"
"'Glatze' und 'geblümelte Raffung an der Kimme'?"
"Ja, genau."
Ich schildere Beobachtung und Dialog. Frage, ob das wirklich funktioniert. Ob sie ihm glaubt, und er zum Ziel kommt. Nämlich in ihr Bett.
"Klar funktioniert das! Sonst würd er's doch nicht tun!"
Schwan 1 posiert mit hübsch hochgestellten Flügeln im Wasser. Gerade noch im Schwimmerbereich. Dafür bekommt er ein Stück trockenen Hefezopf. Den mag er besonders gern.

"Männer wissen ganz genau, was ihr Frauen hören wollt. Romantisches Zeugs halt."
"Hab mal aus Frauenmund gehört, dass alle Italiener lügen. Aber dass sie dies auf eine ganz besonders schöne Weise täten..."
"Eben. Geschäftsgrundlagen geklärt."
"Machen das die Argentinier auch? Beim Tangotanzen?"
" Jep! Und deswegen ist der Durchschnittsdeutschmann - kurz DDM - gelb vor Neid auf die Lationos. Oder Italiener. Was der DDM allerdings niemals nie zugeben würde."
"Woah, das muss ja sakrisch anstrengend sein, mit bald jeder Frau schlafen zu wollen..."  

Schwan 1 watschelt ans Ufer. Wie schnell so ein Kerle seine Eleganz verliert...

"Die Mission muss ja nicht zwingend zum Ziel führen - also zum durchgeführten Beischlaf. Aber man kann's ja mal probieren. Männer sehen das eher sportlich. Training, in Übung bleiben und so..."

In Gedanken zähle ich die von meinen sekundären Geschlechtsmerkmalen abgepflückten Hände, deren hochbejahrte Besitzer nicht mal mehr den eigenen Urinbeutel halten konnten. Pablos Einschätzung kann ich aus pflegerischer Sicht voll bestätigen. Die Ausbilder-Diakonisse sagte mir damals, das sei normal. Männer halt. Ball flach halten, nicht aufregen, Pfote zurück zum Besitzer, klares Verbot aussprechen. Fertig. Hat immer gut funktioniert. Danke, Schwester Frieda, weise Frau!

Pablo stimmt ein bissel schräg an: "Außerdem: Die Gedanken sihind frei..."
Schwan 2 schwimmt beleidigt von dannen - schwer getroffen von einem Vollkornbrotbrocken.

"Jetzt verrate ich dir ein Geheimnis: Der direkte Weg, also Komplimente über die Schönheit der Frau oder so ist für den DDM echt schwierig. Vor allem, wenn seine Rechtschutzversicherung sexuelle Diskriminierungsangelegenheiten ausschließt. Wenn dann noch eine gewisse Verklemmtheit dazukommt... Drum spielt der DDM quasi über Bande: Achtsamkeit(!) ist das neue 'Romantisch'. Da brauchst nicht einmal singen können oder Geige und Vollmond bemühen."

"Drum die ganze wohlfeil formulierte Definiererei über die Abstufungen zwischen Kuscheln und ...? Jetzt kapier ich's langsam. Aber für uns im XX-Lager ist das doch eh klar wie Kloßbrüh'! Und wirklich nichts Neues."

"Eben. Frauensprech-Mimikry."

"Aber wenn ihr so einen großen, 'sportlichen' Aufwand betreibt, dann muss doch ein ziemlicher Druck dahinterstecken?"
"Ach geh, man(n) muss doch nicht jeden Trieb gleich ausleben! Wo kämen wir denn da hin? Hallo? Respekt vor weiblichen Menschenwesen? Wir Kerle sind doch keine Affen! Zum Druckabbau gibt's doch genügend händische Methoden - Holzhacken zum Beispiel."
In Gedanken stelle ich den Stapel 1 (Aussagen "Der meinige guckt so was nicht!") neben Stapel 2 (durch Zufall entdeckte Pornoheftle und/oder eindeutige Browserchronikeinträge). Etwa gleich hoch. So hoch wie die Dunkelziffer Inprivate-Surfer. Und hier auf dem Land machen ganz Nachbarn viele Holz. Hm.

"Aber was mich wirklich wütend macht: Ein paar Deppen halten sich nicht an den Deal 'sportlich probieren, Anpfiff zum Spiel erst nach erteilter Erlaubnis'. Die machen uns Normalos das Geschäft kaputt! Erst erschleichen sie sich das Vertrauen mit Achtsamkeit und so. Die Damen wehren vielleicht weitergehende Zudringlichkeiten ab. Aber die weibliche Krux ist halt, dass sie hoffen oder sogar davon ausgehen, der meine das Achtsamkeitszeug ernst! Und wäre zu einer differenzierteren Beziehung fähig - 'Freundschaft' oder so. Ist er aber nicht. Und dann - zack! - haben's ihren Dreck im Schächtele und eine tolle Geschichte für #metoo."

Will frau wirklich mit einem Arsch befreundet sein? Soll's ja auch geben. Vielleicht stimmt es doch, dass jeder einen guten Kern hat und ich mal wieder total schief gewickelt bin? Auch bei "Jeder hat eine zweite Chance verdient!" bleibe ich skeptisch. Pardon. Wieder so eine unweibliche Bockigkeit.

Aber langsam wird mir die Sache zu heiß. Ich höre schon die Empörung über unbotmäßige Vermischung von gut- und böserotischen Angelegenheiten. Und süffisanten Anspielungen: "Ich weiß ja nicht, was du für Männer kennst..." (-> Pablo und ein paar andere EigenarTiger verschiedenen Alters, wahrscheinlich nicht wirklich repräsentativ. Für Statistikzwecke eine Katastrophe.)
Das geht doch nicht! Das wird gerade zum Wurstgürtel vor Krokodilbecken! Ich brauch ein Out! 

Der kleine Haubentaucher überholt wild paddelnd den Schwan, um den letzten Schwimm-Brot-Brocken zu ergattern. Erfolgreich. Ich freu mich für ihn. Die restliche Weißfederkompanie weicht beinahe gelangweilt einem mit knutschendem Pärchen beladenen Tretboot aus. Pablo entbröselt wild schüttelnd die Tasche.

Den Weg zum Auto legen wir schweigend und Eis schleckend zurück. Gut, Pablo ist schon so ein komischer Kerl. Spricht mit mir - einem Weibe! - ganz offen über Sex und so. Freundschaftlich. Meint er das alles wirklich so, wie er es sagt? Oder hat er mir einen gewaltigen Schmarrn erzählt - einfach nur das, was ich hören wollte: "eigenartiges Frollein-Sprech-Mimikry"?

Fragen über Fragen...
Aber die Gedanken sind ja frei, gell? 

Herzliche Grüße,
Manuela









Quellen:

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Kommentare

  1. Da Österreich genau zwischen Deutschland und Argentinien liegt (oder Italien, was aufs Gleiche rauskommt), bin ich ja bestens geeignet, Aufmerksamkeit mit Komplimentemachen zu verknüpfen. Dass sowas beim Auffordern meist nicht viel hilft - da führt eher rohe Gewalt zum kurzfristigen Erfolg - soll kein Hinderungsrund sein, den Damen weiterhin mit Sensibilität und komplimentärem Wohlwollen zu begegnen. In diesem Sinne: Küß die Hand, gnä Frau, Sie sehen heute wieder bezaubernd aus! Wer's glaubt, ist selber Schuld, aber vielleicht stimmt's sogar.

    Peter Ripota

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    1. Lieber Peter,

      pardon, wie konnte ich nur! Die charmantesten Handküsser der Welt vergessen! Dankeschön für die Ergänzung.

      Wie wär's denn mal mit einem Kurs: "komplimentäres Wohlwollen händeln - als Geber und Empfängerin". Oder ist das schon wieder sexistisch? Ich würde mich sofort anmelden...

      Herzliche Grüße
      Manuela

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