Genug gepaced!


Was pacing und leading mit folgen und führen beim Tango zu tun hat




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You teach best what you need most.



"Pacing and Leading ist ein Begriff aus dem Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP). (...)
Der Begriff Pacing and Leading bedeutet auf Deutsch so viel wie: Schritt halten und die Führung übernehmen. Die Wirksamkeit von NLP konnte wissenschaftlich nie nachgewiesen werden.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Pacing_and_Leading]



* Pacing


Mal ganz ehrlich meine Damen, mit dem ersten Teil des Konzepts sind wir doch bestens vertraut! Meisterhaft beherrschen wir es, unsere Verhaltensweisen dem jeweiligen sozialen Umfeld anzupassen und so "Rapport herzustellen" - was schlicht und einfach "brückenbauend Kontakt aufnehmen" bedeutet.

Chamäleonartig schaffen wir es problemlos, in verschiedenen sozialen Gruppen gute Kontakte herzustellen - vom Elternmob in der Schule über die spießigen Nachbarn bis hin zur Arbeitsstelle/Kundschaft oder Schwiegerfamilie. Die unterschiedlichen Wertesysteme jonglieren wir routiniert und natürlich total reflektiert - wir haben ja schließlich an unserem Mindset gearbeitet.

Beim Tango warten wir heutzutage artig auf männliche Aufforderung zum Tanze respektive einmal pro Abend Damenwahl wie annodazumal. Dann versuchen wir, uns folgzahm in männliche Führung(sversuche) hineinzufühlen und selbige umzusetzen: Ergebnis ausführlicher Feldstudien in "Tangomilieu pacen".


* Und Leading?


(Eindeutschen in leaden geht leider gar nicht: englisch "leaden" bedeutet "bleiern")

Ja, können wir auch: Der Sohnemann duscht in sozialverträglicher Frequenz, erledigt seine Hausaufgaben, der Göttergatte bringt den Müll runter bzw. dein Ex lässt grade keinen Anwaltsbrief schreiben... Deine Schwiegermutter serviert dir keinen Spinat mehr. Nachdem du die Herrschaften sorgfältig-hartnäckig gepaced hast. Da braucht's keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis! Das ist weibliches Grundwissen! Seit Jahrhunderten.

Wir haben sogar kapiert, dass im interaktiven Verlauf die Führung zu übernehmen der eigentliche Zweck des Pacens ist. Das können wir ausgezeichnet! ("Scha-hatz, ...") Aber wenn, dann nur zum Wohle unserer Lieben, gell!

Aber Leaden ist doch nur erlaubt, wenn es dem Geleadeten nützlich ist, oder?

Sind deine eigenen Bedürfnisse und Ziele eine Zumutung für die Gruppe/das Gegenüber?
Oder allein schon die Prüfung dieser Frage auf Antworten?
Arrogant? Gar egoistisch?

Und so lassen wir es beim pacen, und pacen und pacen...

Fühlt sich ja wohlig an, mit den Mitmenschen in gutem Kontakt zu stehen! Die mögen dich dafür irgendwie umso lieber. Shen Te war bestimmt ein "guter Mensch", von den Göttern geliebt. [https://www.inhaltsangabe.de/brecht/der-gute-mensch-von-sezuan/]

Die Traute, das eigene Leben zu gestalten dagegen verhungert.

Eine kaum wahrnehmbare Unzufriedenheit schleicht sich dann irgendwann ein, die sich in eigenartigen Begrifflichkeiten äußert, wie "frau müsse endlich in ihre Kraft kommen!". Coachingangebote dazu gibt es zuhauf. Und die Herrn der Schöpfung reiben sich die Hände. Wenn wir SO weitermachen, bleibt der Wunsch, ernst genommen zu werden - ob vom Lebensgefährten, Chef oder Kunden - eine Illusion.

Und Brecht verlangt von uns, selber eine Antwort auf das Dilemma von Shen Te / Shui Ta zu finden! Der Vorhang fällt und wir gehen heim. Alle Fragen offen - ohne fertige Antworten. Schalten wir also aufforderungsgemäß unser Hirnkastel ein und zentrifugieren die Fakten und hauseigenen Annahmen.

Gehen wir ganz frech von folgenden Grundsätzen aus:

1. Du hast deinen Wunsch auf Herz und Nieren geprüft und bist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Erfüllung niemandem schadet. (Musst ja nicht gleich Shui Ta aus der Schublade holen.)

2. Du bist bereit, (meist vorübergehende) Irritationensreaktionen deines Umfelds auszuhalten. Die dürfen sich ja erst mal daran gewöhnen, dass du auch zum eigenen Wohle (oder des gemeinsamen, wieder das eigene eingeschlossen) mal das Heft in die Hand nimmst.

3. Dir ist klar, wohin du steuerst und warum - also deine Motivation.


* Ein Beispiel, zum Üben 


(Transfer in andere Lebensbereiche möglich bzw. erwünscht)

Ziel: Du willst Tango tanzen.

Auf der Milonga sitzen schon gefühlte 87 alleinige Frauen, nur ein Tanzpartner in Sicht. Der deinige liegt mit Männerschnupfen daheim im Bett. (Bravo! Erste Hürde gemeistert! Solo zum Tango gegangen! Geht doch.)

Dafür umso mehr magische Musik. Bald zuviel Tanzdruck im internen Sicomatic! Stufe Rot!

Dass Frauen Männer auffordern, sähe man hier gar nicht gerne, hat man dir mehrfach während des deines Tangoszenen-Pacings geflüstert. Okay.
Logische Schlussfolgerung: Du willst tanzen, nur Frauen als Partnerinnen verfügbar?

Dann fordere halt eine Frau auf! 

Als "Führende".
Macht Spaß und lindert den Tanzdruck.

Mit der Motivation "Mann anfassen" funktioniert das natürlich nicht ;) Da wäre die Entwicklung eines anderen Algorithmus vonnöten. Kannst ja mal drüber nachdenken, zu Übungszwecken.


* Fazit


Als Tanguera, die beide Rollen tanzt, bin ich (wie meine sehr wenigen Kolleginnen) immer noch eine Exotin. Schade, denn ich habe in keinem Abschnitt meines Tangolebens meine Technik in dem Maße verbessern können und quasi nebenbei soviel über's Folgen gelernt.

Denn Führen beim Tango ist auch nix anderes als Rapport herstellen und halten, pacen und leaden.

Aufgeben werde ich das "Beide-Rollen-Spiel" gewiss nicht mehr. Und das Führen zum richtigen Zeitpunkt in anderen Bereichen schon gar nicht.

Und wenn ich mir einen falschen Schnurrbart anpappen muss!


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel 

Nachtrag am 31. Januar:

Einen Überblick, was der Text ausgelöst hat, findest du auf Gerhard Riedls Tango-Report:
http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/01/follow-leader.html 
Dankeschön - auch für das wunderbare Musikvideo zum Thema! Joi!







Quellen: https://www.nlp.ch/pdfdocs/pr002-r-Rapport-Scriptauszug.pdf

* Möchtest du das Bild oder diesen Text verwenden?

* Mehr lesen? Hier entlang zu Manuela Bößels Büchern

Kommentare

  1. Aus der Sicht eines Mannes (zumindest beim Tango), also, korrekterweise, einer "Führungsperson":
    Die Regel, dass nur Männer auffordern dürfen, ist die sinnloseste überhaupt. Sie machte Sinn bei einem Frauenmangel, wie er damals in Buenos Aires herrschte, wo zehn Männer um eine Frau kämpfen mussten und sich diese als Prinzessin auf dem Thron fühlen konnte. Die Zeiten sind vorbei, heute ist es eher umgekehrt: Auf zehn Frauen kommt ein Mann. Also sollten sich auch die Sitten umkehren, aber das tun sie nicht.
    Warum sollen nur Männer auffordern? Warum sollen überhaupt Männer auffordern? Nur weil wir die Traditionen der wilhelminischen Ära aufrechterhalten wollen? Wollen wir das überhaupt? Tatsache ist:
    - Auf den meisten Milongas gibt es mehr Frauen als Männer. Also wäre es viele nützlicher, sie würden die Initiative ergreifen.
    - Frauen können viel besser sehen, wer gut tanzt. Eine Tänzerin muss sich dem Mann und seinem Können oder Nicht-Können anpassen. Beim Zuschauen kann man(n) also schwer erkennen, wie gut die Dame ist - oder wie gut sie mit ihm harmoniert. Damen können das viel besser abschätzen.
    - Warum sollen immer nur Männer den Frust der Abweisung ertragen? Die Damen können im Zuge der Gleichberechtigung auch ihren Beitrag zur Frustüberwindung leisten!
    Dazu kommt: Selbst auf Milongas, bei denen die Damen zur Aufforderung ermuntert werden, sehen die meisten Herren das nicht gerne, und die Dame wird als Emanze abgestempelt und danach erst recht nicht mehr aufgefordert.
    Kurzum: Aber da ist nichts zu machen, weder in den fortschrittlichen Ländern des Nordens, noch - schon gar nicht - in den traditionsbewussten Ländern des Südens. Mann bleibt Mann und kann offenbar nicht ertragen, wenn er ausnahmsweise mal nicht die Initiative ergreifen darf. Frau bleibt Frau und kann offenbar nicht ertragen, wenn sie nicht als Prinzessin auf den Ball geht und vom Märchenprinzen auf Händen nach Hause getragen wird.
    (Aus meinem Buch "Tango-Sehnsucht")

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  2. Lieber Peter,

    vielen Dank für deine Beleuchtung des Themas aus männlicher Sicht - vor allem für das Argument "Frauen können viel besser sehen, wer gut tanzt...". ;)

    Außerdem verstört mich immer wieder diese eigenartige Einstellung, dass man uns Frauen "beschützen"
    müsse, z.B. vor "dem Frust der Abweisung". Diese Idee macht sich im Moment in der Tangoszene ganz schön breit mit ihrem dicken Hintern.

    Obwohl ich ja "nur Weibsgedanken" im hauseigenen Hirn zu führen fähig bin, klingen deine Ausführungen schlicht und einfach logisch und schlüssig!

    Ich hoffe sehr, dass mein Artikel und dein Kommentar vielleicht die eine oder andere Prinzessin ermuntert,
    die seelischen Glitzerglaspantöffelchen mit den Rettemich-Puschelchen gegen eine vernünftige, für die heutige demokratische Lebenswirklichkeit taugliche Ausrüstung auszutauschen. Und in der Folge die Initiative zu ergreifen!

    Herzliche Grüße,
    Manuela

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  3. Also erstmal...den Begriff NLP wieder mal zu lesen fand ich lustig. Das letzte Mal war im Kontext von Pickup Artist, eine Nutzung, die ich wirklich amüsant finde, vor allem wegen der vielen coolen Abkürzungen.

    Ansonsten bin ich gerade in einer Phase, in der ich, wenn die Wahlmöglichkeit besteht, führende Frauen versuche aufzufordern, weil sie sich oft musikalischer anfühlen, autonomer und damit interessanter.

    Was die Schlussfolgerung, dass die zahlenmässig grössere Gruppe das Auffordern übernehmen sollte...hm, weiss nicht. Könnte etwas stressig werden. Aber nur das Experiment liefert belastbare Antworten.

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    1. Lieber Yokoito,

      Abkürzungen sind doch für Bubenbanden per se cool -
      fehlt nur noch die täglich wechselnde Parole und das Geheimlogo tätowiert in den Allerwertesten). Die Überprüfung in besagter Gruppe muss ich leider weitergeben, selbst mit angepapptem Schnurrbart gehe ich beim besten Willen nicht als "echter Kerl" durch. Will ich auch nicht.

      Danke für deine Phasenbeschreibung, ähnliche Rückmeldungen bekomme ich immer wieder. Und Männer, die führende Frauen auffordern, tanzen meiner Erfahrung nach interessierter, mutiger und damit abenteuriger - diese Kombination verspricht Hochgenuss!

      Keine Sorge, ich glaube nicht, dass sehr viel mehr Damen plötzlich beide Rollen tanzen, da zu anstrengend ;)

      Herzliche Grüße,
      Manuela

      Artikel über die "Pickup Artists"
      http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/pick-up-artists-du-bist-ja-ein-ganz-kleines-maedchen-11908961.html

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  4. Liebe Manuela,
    alle Damen mit denen ich tanze wissen, dass sie mich jederzeit Auffordern können (so ganz normal, so mit: magst tanzen?). Für mich ist es auch eine Rückmeldung, dass die Dame gerne mit mir tanzt. Yokoito hat Recht. Mit Damen die auch führen, zu tanzen, macht viel Spaß, denn sie sind viel "unberechenbarer".

    Servus aus Wien, Börni

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    1. Lieber Börni,
      danke für deine Rückmeldung. Schön, dass es auch noch so unkomplizierte Leut' gibt beim Tango!

      Die Sichtweise "Sie fordert mich auf, weil sie GERNE mit mir tanzt", ist leider heute nimmer so "normal".
      Schad eigentlich. Aber fein, dass sich doch noch ein paar trauen, das so einzuordnen.

      Herzliche Grüße nach Wien,
      Manuela

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  5. Robert Wachinger31. Januar 2017 um 18:15

    Als Mann habe ich ja den Vorteil, dass ich schon von Anfang an dazu gezwungen wurde, meine "Wohlfühlzone" zu verlassen und fremde(!) Frauen aufzufordern, und nen Korb zu riskieren und auszuhalten.
    Was ich aus meiner Männerperspektive nicht verstehe: warum sehe ich auf Milongas relativ oft Frauen, die sich ganz offensichtlich regelrecht bemühen, nicht aufgefordert zu werden. Sei es, dass sie starr und unbewegt irgendwohin ins Leere gucken (und sei es der Fussboden), oder dass sie sich intensiv mit einer Freundin unterhalten (und den Eindruck machen, nicht gestört werden zu wollen). Zum Glück muss ich solche beschäftigte Frauen nicht auffordern, gibt meist genügend andere (oder ich hab mal Zeit, für ne Tanda zu chillen).
    Männer wollen eigentlich nie irgendwelche aufgebauten künstlichen Hürden "heldenhaft" überwinden (beim menschlichen Paarungsritual gehört derartiges ja offenbar irgendwie dazu, aber auf ner Milonga???) ;-)

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    1. Lieber Robert,

      ich weiß auch nicht, warum manche Menschen - egal ob Mann oder Frau - sich gerade auf einer Milonga tummeln. Wenn's nicht das Tanzen und der Tango sind. "Partnersuche" könnte ich noch (mit einigen Verwindungen im Hirn) irgendwie nachvollziehen.
      Aber was bringt Kontaktverweigerung?

      Macht ja fast nix, es gibt noch genügend, die tanzen wollen.

      Und "den erlegten Drachen für den Prinzen von heut'" soll man angeblich auch bei Amazon bekommen - allerdings nur "gebraucht"...

      Herzliche Grüße
      Manuela

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  6. Robert Wachinger31. Januar 2017 um 18:22

    Naja, der Gedanke, wem was wichtiger ist, der soll halt auch die grössere Anstrengung dafür leisten, liegt irgendwie schon nahe.
    Ich finds verständlich, wenn Frauenüberschuss herrscht, und die Frauen eh lieber als die Männer tanzen, dann sollen sie halt ihren Arsch hochkriegen und aktiv werden (und nicht über die Männer jammern, dass die sie "nie" auffordern würden) ;-)

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    1. Jup, eben! So einfach kann (oder lieber im Konjunktiv?) das Leben sein.
      Nochmal herzliche Grüße, Manuela

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