Pablo will im Himmel sein

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"Bist du schon mal aus dem Himmel herausgefallen?"
Aha. Pablo arbeitet mal wieder an seiner Selbstoptimierung. Um Zeit für eine Antwort zu schinden, bücke ich mich hinter das Sofa, wo die Weihnachtspyramide in ihrer alten Schachtel auf Aufbau wartet.

"Wie meinst du das: 'aus dem Himmel gefallen'?",
frage ich ihn, diverse Holzmännchen und Schäflein in den Händen. Ich stelle sie in Staureihe auf den Couchtisch. Der Mohr kippt immer wieder um - zu viel alter Pattex unter seinen nicht vorhandenen Füßen.

"Zack Bumm! Halt aus dem Himmel heraus auf die Erde. Plumps! Padauz! Aufgeschlagen im Dreck."

Es scheint ihm ernst zu sein. So überlege ich sorgfältig, komme aber zu keinem Ergebnis. Das würde ja voraussetzen, dass ich wüsste, wo der Himmel ist. Ich weiß es definitiv nicht!

"Muss man nicht tot sein, um in den Himmel zu kommen?"
Mit meinem alten Taschenmesser befreie ich die Figürchen eines nach dem anderen von Klebstoffkrusten. Pablo steckt derweil die Propellerflügel vorsichtig in die Achse.

"Nicht zwingend!"
Mit einem Propellerflügel wedelnd markiert er analog seine Aussage. 

"Reicht ein bissele tot?" 
Ich nehme ihm den Rotor ab und korrigiere die Kippung der Hubschrauberflügel. Sonst läuft die weihnachtsmodellige Ronda rückwärts. Und die Heiligen Drei Könige kommen nie an. Das wär' blöd.

"Der Himmel ist doch nicht nur für Leichen konzipiert! Manche Leute sind schon die ganze Zeit drin. Ich zum Beispiel. Wenn man eh schon im Himmel ist, muss man nicht mehr hinein."
Wenn ich nicht aufpasse, mampft er mir alle Kokosmakronen weg.

"Aber du sitzt doch hier bei mir und schraubst Weihnachtsdeko zusammen!"
Platz auf dem Tisch schaffen simulieren! Kokosmakronen erfolgreich evakuiert! Prima - dafür fummelt er halb eingetrockneten Leim zu kleinen Kügelchen, die er an den Rand seiner Teetasse pappt.

"Ja, schon, aber quasi feinstofflich auch im Himmel. Der ist ja überall."
Er versucht heimlich seine mit Holzleimschmodder verschmierten Finger an meinem Lieblingsgeschirrtuch abzuwischen. Ich reiche ihm wortlos einen alten Lumpen hinüber, den er dann artig benutzt.

"Außerdem arbeite ich ständig an meiner spirituellen Entwicklung! Mit Mentaltechniken und so. Weißt schon: 'New Behaviour Generator', Meditation, Achtsamkeit, 'gewaltfreie Kommunikation im Tango leicht gemacht', 'ausgefuXte Visualisierungen für mehr Selbstbewusstsein (bewusst mit X!)', das Erleuchtungsseminar im Sommer ...  übe alle Techniken, um 'in die Kraft zu kommen' - in den Himmel halt. Und vor allem, um dort zu bleiben!"
Das Display seines Smartphones wird mittels Leimlumpenwischung nicht unbedingt sauberer.

"Bist so lieb und schiebst mir grobstofflich den Leimtopf rüber?"
Josef stürzt auf Maria. Ihn klebe ich als Erstes wieder an seinen Platz auf der mittleren Etage.

"Also bist nicht tot, aber trotzdem im Himmel? Klingt nach einem Haufen Arbeit..."
Ich muss mir unbedingt einen Kniff überlegen: Ich kann Josef auf keinen Fall so lange stützen, bis der Leim abgebunden hat. Pattex hab ich nicht im Haus, und der Baumarkt hat schon zu.

"Ja, isses! Weil wenn jemand merkt, dass ich noch kein Meister bin, fliege ich stante pede raus."
 
Knetmasse! Das isses! Kleine Würste zu einem Ring gewickelt sollten als Stütze funktionieren.

"Und wer hat für eine fristlose Himmelskündigung die Entscheidungsbefugnis?"

Pablo lässt die Schäfchen die Bremer Stadmusikanten darstellen. Ohne Hilfsmittel.
Okay, dann klebe ich sie halt erst zum Schluss an ihren Plätzen fest. Schon irgendwie süß, wie sie ihre streichholzdünnen Beinchen fast artistisch in die Luft recken.

"Die anderen Meister natürlich! Manchmal binden sie einen, den sie der Nichtmeisterschaft verdächtigen, zur Warnung an ein Bungeeseil und lassen ihn auf und ab pöppen. Kannst dir das vorstellen?"

"Bist du sicher, dass du vom 'Himmel' sprichst? In den von dir beschriebenen Sphären scheint mir ein rechtes Lumpenpack zu hausen."
Dem Engel fehlt Goldfarbe am linken Flügel. Statt mit Lack - der mir zu lange zum Trocknen brauchen würde - bessere ich die Stelle mit silbernem Fasermaler aus. Sieht man nicht bei Kerzenschein. Wie meine paar grauen Haare und Falten um die Augen.

"Wurde Amateurismus zweifelsfrei nachgewiesen, schubsen sie einen aus dem Himmel hinaus! Dann Plumps, padauz, Landung im Dreck!"
Pablo trifft den Schafturm gestikulierend mit dem kleinen Finger. Wir klauben die Tiere vorsichtig vom schokoladenbraunen Hochfloorteppich. Heuer schenke ich den Schäflein Bobbelfüße aus weißer Knete. Bis Weihnachten werden sie schon halten.

"Warum gibst dich überhaupt mit einem solchen G'schwerl ab? Das soll 'himmlisch' sein?"
Ganz sachte setze ich die Achse mit den verschiedenen Leveln auf den Drehpunkt. Himmelwärts hält der Propeller die fragile Geschichte zusammen. Hoffentlich sind die Knetmassewürste nicht zu schwer.

Der Antrieb fehlt noch: 4 KS (Kerzenstärken). Ich drücke Pablo die Streichholzschachtel in die Hand. Er zündet sich eine Zigarette an.

"Pablo! Da unten brauchen wir Feuer!"
Zähneknirschend verbiete ich mir die Frage, ob Weihnachtskonstrukte kleine Höllenfeuer eingebaut haben dürfen.

"Schön, wie die Bienenwachskerzen duften...",
meint er. Alle viere hat er angezündet, ohne sich die Pfoten zu verbrennen.Respekt!

Ich schalte das elektrische Licht aus. Er wechselt für bessere Sicht auf die Weihnachtspyramide neben mich auf's Sofa. Laible krümelnd und Tee trinkend betrachten wir stolz unser Werk, das beginnt, sich ganz langsam zu drehen.

"Da herunten ist doch auch nicht schlecht. Ich bin gern hier auf der Erde."
Die letzte Kokosmakrone knirscht zwischen meinen Backenzähnen. An der Zimmerdecke tanzt der Propellerschatten. Alles ist stille und friedlich.

"Bist ja auch kein MEISTER. Drum kannst auch nicht vom Himmel fallen."
Kein Schnurrbartzucken. Kein Grinsen. Keine Gänsefüßchen. 
Pablo filmt mit seinem Smartphone die Weihnachtspyramide. Dann lädt er meine schöne Besinnlichkeit hoch in seine Facebookgruppe.


Manchmal verfluche ich diese in Verstandesschatten gepflanzten Sprüche. Die wachsen dann gut gedüngt hinein in die Weltsicht, bis kein Erdenlichtlein mehr durchkommt.
Erhellen? Alternative Sichtweise? Neuinterpretation?
Schwierig! Aber möglich.

Derweil kriegt Pablo einen Sturzhelm von mir zu Weihnachten.

Und eine große Portion selbstgebackene Kokosmakronen.

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Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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