Brennnessel-Zwerge



Vor ein paar Tagen hingen noch frostige Nebelschwaden bis zum Mittag über den Wiesen. Da schimmerte an manchen Stellen die Erde nass, wo zarte Sonnenstrahlen Schnee und Nebel schmelzen wollten.

Nix war's.
Kalt war's.
Und ich beleidigt: genug der winterlichen Stagnation.


Heute kehrt die Erde langsam zurück aus ihrem Winterschlaf:

Die Natur atmet tief ein vor dem ersten Sprießen und malt ein zartes Blau an den Himmel.

Brennnesselzwerge, geschmückt mit funkelnden Tropfen, recken sich frech, als wären sie Scheinriesen im Lummerland.

Mit den Weidenkätzchen sind die Bienen gekommen, Pollenallergien hintendrein. Was soll's? Schneuztuch in der Kitteltasch'!
Alles summt und vibriert voller Erwartung, sogar die Birke hört man rauschen, das Ohr am Stamm. Stethoskop ging auch.

Bald, bald, bald,...“ singen Gänseblümchen neben (oder trotz?) Schwanenhäufchen am See.
Derweil blinzeln die „Augenbrauen der Venus“ - Schafgarbeschösslinge - fedrig ins Licht.
Zart-herber Cabeceo des Bittergrünen?

Frisch und saftig schmeckt's!
Eine Wohltat, gell?

Dein Hirn lässt sich wieder ganz ohne Frostbeulengefahr lüften.
Draußen stinkts nach Odel und Neuanfang.

Pumpt dir der Frühling auch dieses GRÜN! (jawoll, mit Ausrufezeichen) in den Leib?
Diese Lebenskraft der Pflanzen, die in der chinesischen Medizin dem Holzelement zugeschrieben wird?  Die so voller Widersprüche scheint?

... die eigene Entwicklung durchsetzen

Auf der einen Seite entwickeln Gewächse ganz ausgefuchste Strategien, um das eigene Leben zu meistern:

Manche kämpfen mit Dornen um Platz zum Leben als messerschwingende Hotzenplotze.

Oder pieksen Dir ein wenig Gift in die Haut, gerade genug, um dich an achtsamen Umgang zu erinnern. Es juckt und beißt, das nächste Mal bist vorsichtiger. Ärger oder Therapie?

Andere drängen sich in Ritzen, pappen sich rücksichtslos an. Wenn du schon einmal Efeu abgezupft hast, weißt du, was ich meine.

Wenn es sein muss, bohren sich Wurzeln weit in die Tiefe oder Schösslinge sogar durch Asphalt.
Gewaltig. Mächtig. Aggressiv?

Stört ein Hindernis das Fortschreiten der Pflanzen-Entwicklung, kümmern sich unsere grünen Freunde nicht um vorgeschriebene "Tanzrichtungen" oder gar Codigos, sondern ändern die Wuchsrichtung.

Natürlich und selbstverständlich.
Das ist naheliegend, effektiv. 
Einfach?
Ja!
Wenn du weißt, wohin du möchtest.
Und warum.

Sind unsere grünen Freunde egoistisch?


Gelassene Gutmütigkeit

Pflanzen schaffen es, einigermaßen friedlich im Verbund zu leben.
Leben und leben lassen?

Schau dir einen Wald an: Bäume, Flechten, Pilze, Moose, diverse Kräuter, was weiß ich noch alles.

Trotz (oder wegen?) aller Konkurenz scheint den Angehörigen der Grün-Fraktion klar zu sein, dass jede individuelle Form Teil eines größeren Entwurfs ist.

Mehr noch: Jeder nutzt sein maximales Potenzial an Kreativität, um die Gemeinschaft weiter zu bringen.

"Wandernde Pflanzengesellschaften" meistern so lange Reisen, ohne Gamsbart am Hut, GPS oder Goretexstiefel. (Auch wenn sie in meiner Vorstellung immer ein fohes Liedlein pfeifend unterwegs sind. Im Gleichschritt.)

Sie agieren im Bewusstsein, dass die sogenannte "Selbstdarstellung" lebensnotwendig für die Gruppe ist!

Die "anderen" können sich darauf be-ziehen und Nutzen daraus ziehen.

Das eigene Wohlbefinden bleibt garantiert, wenn es die anderen einschließt.

Wieder einfach und effektiv.
Natürlich und selbstverständlich.
(Allerdings nur, wenn du in der richtigen Gruppe wohnst.)

Gemeinschaft und eigene Lebensziele in Balance

Beneidenswert.
Bist du dir und "den anderen" immer "grün"?
Ich nicht.

Vielleicht hilft's, am Frühling zu lecken?
Am GRÜN?
Brennnesselbutter auf Brot kosten?
Gänseblümchen naschen?
Die Fensterläden am wintermüden Verstand öffnen, Sonne einfangend?
Pläne auf die Leine hängen, lüften, aussortieren und in die Tat umsetzen?
Den Pflanzen die Konzeptidee klauen?

Wer weiß?
Schauen wir mal, was der Brennnesselzwerg uns flüstert.

Wünsche einen wohligen Frühlingsanfang!  

Herzliche Grüße,
Manuela Bößel





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Kommentare

  1. Liebe Manu,

    Brennnessel-Zwerge haben mir gerade zugerufen, dass Du völlig richtig liegst: Heute müssen wir am Frühling lecken.
    Danke für diese zierlich-luftigen Gedanken mit kleinen Stacheln und Gewichten für die Bodenhaftung!
    Werde gleich im Garten nachschauen, ob alles so ist, wie es sein soll.

    Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende
    Karin

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  2. Liebe Karin,
    gern geschehen, freut mich :)
    Nach unserem Ausflug gestern haben sich die Frühlingsrufer geradezu aufgedrängt.
    Wünsche wohliges Wühlmausen mit ohne Pollenärgerung.
    Viele liebe Grüße,
    Manuela

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Aktualisiert am 15.10.19