Das Fehlen von Rot




Der klitzekleine Blutstropfen schlüpft aus dem angepiekten Finger verschämt in den Messstreifen, um sich gemeinsam mit ihm kopfüber im Gerät zu verstecken. Der Nüchternblutzucker meines Patienten ist in Ordnung: so gebe ich das heiß ersehnte Frühstück frei und drücke einen Tupfer auf den Stich. Da die kalte Hand sowieso kein weiteres Blut abgeben möchte, wickle ich den Streifen samt Tupfer in meinen gebrauchten Handschuh und werfe das weiß-graue Geknödel in den Mülleimer.

Heute wird Hefezopf serviert, bestrichen mit Butter und hell-trübem Blütenhonig, dazu Milchkaffee. Beige fügen sich Speisen, Sekrete und Sichtweisen nahtlos in das Ambiente des Hauses ein, begleitet von gedeckten Grüntönen und ein wenig nebligem Blaugrau.

Scharfe Kontraste sind hier nicht willkommen. Ohne externe Bremsschilder wandert das Auge ziellos, Fokus – da potentiell beunruhigend – ist hier unerwünscht.

Küsst die Dame des Hauses der Übermut, gönnt sie sich ein Tüpferl Gelb. Die Nelken stehen dann so, dass mein Patient sie von seinem Stammplatz in der Küche nicht sehen kann.

Draußen im Garten dürfen ein paar Farben wohnen, vorausgesetzt, die Form wird gewahrt! Gegen den Sommer mit seiner inneren Hitz'n lässt sich eh' nichts ausrichten. Die heruntergelassenen Rollos schützen beschattend-gnädig das Innere. So findet Wärme schlecht hinein.

Achtzehn Grad Celsius lassen sich für gewöhlich gut aushalten in Nierenwärmer, dicken Wollsocken und Schiunterwäsche. Hier aber kriecht das mumpfige, novemberkühle Hellblau von den Wänden direkt in Mark und Bein, den Rücken hinunterrieselnd, was vielleicht meine Gier auf Tomaten zur Brotzeit erklärt: kleine, kreischend süße, sonnensatte Coktailtomaten aus Spanien, die ich gerne vor Verzehr auf die Heizung lege. Dann entfaltet sich ihr Geruch, und ich stelle mir vor, wie ich sie direkt vom Strauch abzupfe. Das wärmt.

Später sitze ich mit meinem Patienten in der Küche. Seine Frau ist außer Haus – einkaufen, was ihn wie immer sehr nervös stimmt. Ich pflücke aus der Lokalzeitung unverfängliche, nette Smalltalkanstupser, um ihn abzulenken. Gelingt mir das, vergisst er eine Zeitlang, dass man sie mittels Handy anrufen könnte. So hat seine Frau fast eine dreiviertel Stunde Zeit für sich ganz allein. Ein Baustellengoldfund im Nachbarort und Rettet-den-Igel-Fotos helfen mir dabei.

Sie kommt zurück, etwas außer Atem, schleppt pfeifend Tüten und Kartons in die Speisekammer, froh über ein paar Zusatzminuten geschenkter Alleinsamkeit. Fröhlich in die Küche wirbelnd bringt sie neben neuestem Tratsch und knusprigen Brezen einen Schwall glitzerklarer Luft mit hinein.
Das gefällt ihm. Er lächelt.

Sie geht um den Rollstuhl herum, so dass sie ihm ins Gesicht sehen kann beim Sprechen. Ihre Wangen leuchten frisch und rot.
Das gefällt ihm nicht. 

Er packt sein Lächeln wieder fort. In den linken Ärmel, zum Taschentüchlein.

Sie zwinkert mir zu, schleicht strumpfsockig hinter seinem Rücken zum Küchenschrank. Zwischen den Gewürzdosen hat sie eine goldglänzende Schmuckschatulle versteckt. Die Küche ist ihr angestammtes Revier. Sie pflückt sich das lebendig-leuchtende Wangenrot aus dem Gesicht und verstaut es zwischen den anderen unanständigen Rottönen. Dann schließt sie die braune Schranktür und löscht das Deckenlicht. 

Im herbstelegischen Schummerlicht köchelt Eintopf auf dem Herd. Braune Linsen, gesprenkelt mit ja nicht zu vielen braven gelben Rüben.


Herzliche Grüße,
Manuela








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