Pablos spiritueller Tango-Urlaub und seine Folgen

mein Freund Pablo


01. August 2016

Irgendwo auf einer pittoresken Insel im Mittelmeer brennt die Sonne heiß am stahlblauen Himmel.  Grillen umzirpen den Duft des wilden Salbeis am Straßenrand. Sieben Ziegen stehen im Geäst des Olivenbaums gegenüber von Pablos Terrasse. Sein Schweiß tropft schwer in augustglühende Zeitlupe. Wenn Pablo die Augen schließt, explodieren Orangetöne auf seiner Netzhaut. Eine ORANGE-farbene Manifestation der Erleuchtung?

Oder doch nicht? Kann einem - in erleuchtetem Zustand (!) - das Geschnatter der norddeutschen Mit-Retreaterinnen auf der Nachbarterrasse so auf den Sack gehen? (Anmerkung der Autorin: Pardon, Pablos Wortwahl)

Mein alter Tango-Kumpanerito gönnt sich ein "holistisches Retreat", seiner Sucht folgend natürlich mit dem Zusatz "Tango". Untergebracht in einem "jugoslawisch" renovierten Bauernhaus ("shared accomodation, traditional old stone house, self-catering"), den Stundenplan ("schedule") vollgestopft mit hochspirituellen Tätigkeiten ("watercoloured tango-meditation" etc.), möchte er seine Seele wieder auf Spur bringen.

Ein wenig glücklicher werden, ja - vielleicht sogar ein bissel Erleuchtung finden.

Ganz billig ist der Spaß nicht. Sein chronisch laues Budget erlaubt lediglich die Teilnahme mit Selbstversorgung im Matratzenlager. Eigenartigerweise ist das preiswerteste Nahrungsmittel im einzigen zu Fuß erreichbaren Lädchen die gelbe Rübe. Wie daheim. Macht nix, ist gesund. Sollte eher ORANGE Rübe heißen, so orange wie der Sonnenuntergang, den er erschöpft vom Tagwerk, nur am Rande wahrnimmt.

Aber die tägliche Sprechstunde beim "Meister" ist inklusive ("all you can ask"), was unser Pablo selbstverständlich schamlos ausnutzt. Täglich mindestens dreimal fragt er ihn, wie Erleuchtung zu erlangen sei. Jetzt weiß er verdammt viel über Selbstfindung, Kränkung und Vergebung, das Leid der inneren Kinder, den Buddha in ihm (für Westeuropäer eingekocht), das Universum und die Liebe und all das - zumindest theoretisch.

Pablo aquarelliert meditierend den Flow in der Tangokommunikation, arbeitet hart an seiner Erdung, sendet achtsame Energie vom Zentrum in die Extremitäten und versucht, die Gesänge der Galaxie zu hören. Zum Baden im Meer oder gar Faulenzen bleibt da keine Zeit.


12. August 2016

Madame Rosalie (Pablos Mama) hat uns eingeladen zum Kaffeetrinken. Pablo wischt 287 Urlaubsfotos über das Display seines Smartphones. Wirklich erholt wirkt er nicht. Seinen Ausführungen über die Fortschritte der Awareness-Einübung in der alltäglichen Routine sowie Korrigierung der Work-life-balance kann ich nicht ganz folgen. Sorgfältig picke ich mit angefeuchtetem Zeigefinger Kuchenbrösel von der Tischdecke. Rosalie streichelt ihren fetten Kater.

"Machen wir was zu essen? Ich hab Hunger!"

Sie führt uns in die Küche und öffnet den Kühlschrank. "Viel ist nicht mehr da, aber das reicht, um was Feines zu zaubern." Sie hält uns ein Bündel Karotten unter die Nase. Aus dem Fach, in dem sie sonst Schokolade versteckt, holt sie eine Zitrone. Außen schon ein wenig hart, aber Rosalie versichert, die hätte noch viel Saft, so wie Lotti Huber.

Pablo darf die Rüben schälen, ich schleife das Messer, schneide alles klein und werfe es in den bereitgestellten Kochtopf, in dem schon Salzwasser vor sich hin brodelt. Während das Gemüse weichkocht, röstet Rosalie Brotstücke in einer Pfanne.

Wir plaudern über die Liebe und das Leben und all das. Pablo gießt von den Rüben soviel Kochwasser ab, bis sie gerade noch bedeckt sind; meine Brille beschlägt. Er malt mir Sichtlöcher hinein und grinst. Dann püriert er die orangen Brocken mit Rosalies altem Zauberstab.

Ich füge nach und nach Karottensaft und einen gehäuften Teelöffel Kurkuma dazu. Das gibt dem Leben Würze! Pablo macht die Arme lang, als Rosalie ihm von hinten ihre orangefarbene Schürze umbindet: "Obacht, sonst darfst meine Küche streichen!" Sie würzt unser Werk mit Limettensaft, einem guten Esslöffel Kokosöl und Pfeffer.

Tief orange wie der Sonnenuntergang auf Pablos Urlaubsfotos leuchtet die Suppe uns aus den Tellern entgegen - Seelen und Bäuche wärmend.

... und die Erleuchtung?

Die hat unser Freund nicht gefunden. Madame Rosalie hat ihn in die Küche geschickt - zum Aufräumen. Und zum Kompost. Dafür durfte er den Rest der Suppe eingetuppert mit nach Hause nehmen. Sein Lieblingsbuch aus Klein-Pablo-Zeiten auch: "Oh wie schön ist Panama"


Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel





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