Gerhard Riedl: Hohe Rösser nach Wahl

<article image> Heilpraktiker und Arzt aus Patientensicht

Ganz ehrlich, manchmal befällt mich die Sorge, dass sich in meine Sicht der Dinge eine gewisse Betriebsblindheit einschleicht - vor allem im heilkundlichen Bereich. Da fungiere ich ja als "Anbieter" von Gesundheitsleistungen. "Kunde" bin ich Gott sei Dank äußerst selten und wenn, ist mir klar, wie ich die Mechanismen im Medizinbetrieb diplomatisch nutzen kann.

Deswegen bin ich immer wieder dankbar, meine Wahrnehmungswerkzeuge an der Realität eines Medizin-Users polieren und austarieren zu dürfen. Einfach mal schauen, ob ich richtig liege mit dem, was Patienten fühlen und brauchen. Denn sie werden nur, wenn sie mit ihrem Anbieter medizinischer Leistungen "Glück haben", gefragt. 
So habe ich zum Äußersten gegriffen und den Patienten GEFRAGT! 

Im Gastbeitrag schildert uns Bloggerkollege Gerhard Riedl seine erfrischend subjektive Patienten(!)sicht auf innermedizinische Hahnenkämpfe.
Viel Vergnügen und Bühne frei!

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Hohe Rösser nach Wahl


Die Bloggerkollegin und Heilpraktikerin Manuela Bößel schafft es immer wieder, mein Weltbild zu erschüttern! Die Arroganz und den Standesdünkel vieler Ärzte kenne ich seit meiner Jugendzeit, als ich einmal wegen einer kritischen Bemerkung aus der Praxis eines Orthopäden flog.

Seit einigen Jahren bin ich eher ein Anhänger dessen, was man „Alternativmedizin“ nennt: Natürlich überzeugt mich längst nicht jeder esoterische Schmus, und bei einem Beinbruch würde ich einen Unfallchirurgen und nicht einen Bachblüten-Therapeuten aufsuchen – ganz klar.

Aber auch, wenn’s manchmal nur der Placebo-Effekt sein mag: Immerhin zeichnen sich doch die Heilpraktiker durch Toleranz, ganzheitliches Denken und Fähigkeit zur Selbstkritik aus. Oder?

Doch es ist wie auch sonst oft im Leben:
Wenn man glücklich bleiben will, sollte man nicht so genau hinsehen…

Vor gut zwei Monaten veröffentlichte Manuela Bößel auf ihrem Blog eine Rezension des Buches „Unheilpraktiker“ von Anousch Mueller:
Sie war (wie ich) der Meinung, das Werk enthalte zwar durchaus richtige Kritik an unseriösen Heilsversprechungen mancher nichtärztlicher Behandler, werde aber den komplementärmedizinischen Möglichkeiten gerade an der Schnittstelle Schulmedizin und Pflege nicht gerecht. Ferner messe die Autorin oft mit zweierlei Maß zugunsten der Ärzte. Das müsste doch, so meine Erwartung, in der geschlossenen Facebook-Gruppe „Heilpraktiker“, bei der Manuela Mitglied ist, auf Interesse und Zustimmung stoßen.

Im Gegentum! Mit so einem Zeug, so beschied man, als sie dort einen Link auf ihren Artikel postete, wolle man sich nicht befassen, das wäre zuviel der Ehre. Ein Heilpraktikerkollege formulierte es so: „Das ist so dermaßen endlos und sinnbefreit totdiskutiert worden, dass das nur noch langweilt. (…) Alles andere rutscht mir geschlossen am Gesäß vorbei und es sollen die diskutieren, die endlos Zeit, keinen Spaß am Leben oder neidzerfressen sind. Mir ist das zu albern.“

Und der dortige Administrator, welcher sich stets bei Themen mit ideologischer Bedeutung einmischt, meinte: „Die Frage, wie es mit dem Heilpraktiker-Beruf ‚weiter geht‘, ist so alt, wie der Beruf auch. Immer wieder totgeschrieben - in neuem Glanz auferstanden. Es gibt aktuell so viele Heilpraktiker (und auch Praxen), wie nie zuvor. Warum soll man eine Frage beantworten, die sich nur stellt, wenn man Ängste schüren will? Liebe Manuela, ich weiß nicht, ob und wieviel HP-Kongresse Du bis dato besucht hast. Diese Frage wird immer wieder beantwortet - es macht keinen Sinn über ‚ungelegte Eier‘ sich aufzuregen oder zu diskutieren. Meine Meinung: Es soll alles so bleiben, wie es ist (kleine Veränderungen ausgenommen), unsere Grundlage in rechtlicher Hinsicht ist stabil und nicht in Gefahr.“

Na ja, das immer noch geltende Heilpraktikergesetz stammt aus der Hitlerzeit, spricht nicht gerade gegen Reformbedarf… aber gut, wie dem auch sei: Diesen mauernden Tonfall überkommener Standesvertretungen jedenfalls kannte ich bislang nur von den studierten Medizinern! Grund genug, mich in dieser immerhin fast 2000 Mitglieder starken Heilpraktiker-Gruppe ein wenig umzusehen: Da gibt es viele fachlich fundierte Diskussionen – aber gleichzeitig bestieg mich der Verdacht, es sei bei dieser Klientel nicht ratsam, allzu laut für Impfungen zu plädieren, an Globuli zu zweifeln oder die Notwendigkeit der Schulmedizin zu betonen…

Also lieber auf der sicheren Seite bleiben mit Entgiften, Ausleiten, Immunsystem stärken und – ach ja, natürlich Darmsanierung!

Probeweise stellte ich eine Besprechung zum „Unheilpraktiker-Buch“ bei „Amazon“ ein, die sich an den Argumenten Manuela Bößels orientierte. Ergebnis: „hilfreichste Rezension“ (17 pro, 3 contra) mit 161 Kommentaren! Scheint also doch etwas Diskussionsbedarf zu geben…

Heftig wurde es in der „Heilpraktiker-Gruppe“ auf Facebook vor drei Tagen, als sich eine Kollegin dort mit deutlicher Kritik verabschiedete: „sorry... bin sehr enttäuscht von dieser Gruppe... hatte mir vorgestellt hier etwas lernen zu könne... Erfahrungsaustausch und nicht Leute die hauptsächlich.. in eigener Sache.. unterwegs sind und dann Leute, die sehr Wirklichkeitsfremd sind.. sind DAS die Heilpraktiker die ich als Therapeuten haben möchte?? NEIN ... never... ich habe eben eine Gruppe eröffnet in der bitte nur ernsthaft interessierte HPs Zugang haben sollen... also ein WIRKLICHER Erfahrungsaustausch... nicht die Schulmedizin verdammen sondern ein Zusammenspiel möchten.. nur so geht es..jeder muss seine Grenzen kennen oder kennenlernen... wer also einen kurzen Abriss seiner Vita erzählt kann gerne... bei Interesse ... in die Gruppe ... HEILPRAKTIKER...IMMER IM LERNMODUS ... kommen... sorry Herr Haferanke... aber diese Gruppe bringt mir absolut nichts... schade..“

Nun weiß ich nichts zur (sicherlich vorhandenen) Vorgeschichte, und den Tonfall muss man nicht mögen. Die Reaktionen in der Gruppe allerdings gaben mir noch mehr zu denken. Einige Kostproben:

  • „Ach Gott, wie ich solche theatralische Abgänge liebe.“
  • „Jetzt habe ich aber mal herzlich gelacht.“
  • „Die versuchte Abwerbung der Mitglieder*innen hier empfinde ich allerdings als sehr unsportlich!“
  • „Naja, physiognomisch widerspricht sie sich zumindest nicht. Wenigstens etwas.“
  •  „Uuuuh! Das konnte ich nicht so ausdrücken, habs mir aber auch gedacht. Wieder was gelernt.“
  •  „manche ticken halt anders..auch nicht schlimm. - find ich“
  •  „Nö, nicht schlimm nur schade.“
  •  „Aus Therapeutensicht ein Symptom“
  • „gibt Verstopfung wenn man nicht loslässt,- aber das weist du selber“

Kleinliche stilistische Bedenken fanden keinen großen Widerhall:
  • „Ehrlich gesagt...mir gefällt die Häme, mit der hier einige die Kollegin ‚verabschieden‘ überhaupt nicht!“
  • „Mir auch nicht, aber ihr Ross ist schon verdammt hoch. Deshalb hält sich mein Mitleid und Initiative hier in Grenzen.“

Klar, das könnte man alles noch als Geplänkel sehen (wenn auch mit deutlich analer Ausrichtung). Und mit dem Besteigen von Zossen ist man offenbar generell gut vertraut… Richtig schlimm wurde es für mich jedoch, als man einen Screenshot von der Website der kritischen Kollegin veröffentlichte, welcher dartun sollte, sie habe maximal vier Jahre Berufserfahrung als Heilpraktikerin. Dabei schnitt man aber folgende Angaben weg:

„1977 Examen Krankenschwester in (…)
1981 Examen Fachschwester Anästhesie-und Intensivmedizin in (…)
1989-1991 Krankenhaus (…) und Haut-und Allergieklinik (…)“

Als Manuela Bößel dies monierte, musste sie sich vom Administrator der Seite (wieder mal) belehren lassen: „Da steht lediglich, welche Ausbildungen sie durchlaufen hat. Das hat mit dem Beruf der Heilpraktikerin nicht so viel zu tun. Ich war lange Jahre Beisitzer bei Überprüfungen. Da waren es gerade die medizinisch Vorgebildeten, die sich als etwas Besseres aufführten und häufig durch die Prüfung rauschten.“

Manuelas Nachfrage: „Medizin hat mit unserem Beruf nicht viel zu tun?“ führte zum Ziehen der Reißleine. „Warum verstehst du immer das Falsche? Es hat keinen Sinn diesen Disput weiter fortzuführen. Schönen Abend noch“

Das sind dann die Momente, in denen ich nicht nur ärgerlich, sondern richtig böse werde: Eine mehrjährige Ausbildung zur examinierten Fachkrankenschwester und die Arbeit mit lebensgefährlich erkrankten Menschen auf der Intensivstation trägt also weniger zur alternativ-medizinischen Berufserfahrung bei als das Verordnen von Globuli in der lauschigen Naturheilpraxis? Wahrscheinlich hat der Mann recht, allerdings nicht so, wie er meint…

Die dann aber dringend zur Berufsausübung erforderliche Spaßfreiheit wurde deutlich, als man zwischendurch in Gruppenstärke über den Mediziner und Kabarettisten Dr. Eckart von Hirschhausen herfiel. Der hatte es gewagt, zusammen mit seinem Kollegen Vince Ebert das Video zweier Nachwuchskünstler zu empfehlen:




Wieder trat wegen der standespolitischen Bedeutung der Administrator ins Scheinwerferlicht: „Hirschhausen und Ebert, zwei Spaßmacher mit Minderwertigkeitsgefühlen. Nicht wirklich ernst zu nehmen. Ich wette 1000 Euro, dass keiner von beiden eine schriftliche Heilpraktiker Überprüfung bestehen würde.“ Nun gut, wäre bei Letzterem, da studierter Physiker, auch ein wenig berufsfremd…

Dass Hirschhausen öfters seine Ärztekollegen veralbert, ginge ja noch – aber was er nun den Heilpraktikern ins Stammbuch schreibt, ist skandalös: „Wusstet Ihr, dass man Heilpraktiker werden kann ohne ein Praktikum? Die Prüfung testet nur theoretische Grundlagen, so als ob man den Führerschein bekommt, aber keine einzige Fahrstunde vorweisen muss. Das birgt gewisse Risiken. Und für den Straßenverkehr ist deshalb auch eine praktische Prüfung vorgeschrieben. Aber bei unserer Gesundheit kommt es ja nicht so drauf an, ob jemand der spritzen, einrenken und behandeln kann, das auch kann, oder? Klar gibt es auch jede Menge gute Heilpraktiker - die erkennt man unter anderem an ihrem Humor.“

Das ganze Elend offenbart sich in der Antwort einer Heilpraktikerin hierauf:
„Was hat denn der Humor mit der beruflichen Kompetenz als HP zu tun?“
Oh doch, geehrte Dame, ich bin sogar der Überzeugung, dass Humor zur Berufskompetenz vom lieben Gott zählt, da er auf die Kateridee kam, den Menschen zu erschaffen. Und alle, welche an diesem herumdoktern, benötigen ihn umso dringender: Lachen heilt – und bewahrt einen davor, die Selbstkritik ganz aufzugeben!

Und ja, ich hätte übrigens nichts dagegen, wenn Leute (ob Heilpraktiker, Ärzte oder Sprechstundenhilfen), die mir irgendwelche Gerätschaften in den Körper einführen, nachweisen müssten, dass sie dies gelernt haben und auch können!

Zusammenfassend wird mir jetzt erst klar, welches Glück ich mit meinen bisherigen Heilpraktikerinnen hatte, die ihre Zeit nicht mit standespolitischem Getue vergeuden, sondern sich lieber auf ihre Patienten konzentrieren – immer im Bewusstsein, dass die liebe Konkurrenz auch Heilungserfolge erzielt – warum auch immer.

Der Rest darf von mir aus gerne die unterschiedlich lackierten, aber die gleichen Äpfel produzierenden hohen Rösser der jeweiligen Berufsvertretung besteigen und der Abendröte entgegentraben, bevor es endgültig finster wird. Hauptsache, sie machen sich weg von meinem Bett…

Fazit: Heilkunde ist auch nur eine andere Form von Tango!
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Dankeschön an Gerhard Riedl!
Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel


Nachtrag um 16.22 Uhr:
Dass ich mir mit der Veröffentlichung dieses Artikels einen Wurstgürtel um die Hüften gebunden hab', um mit einem Hechtsprung ins Krokodilbecken zu hüpfen, war mir klar. Aber so eine resolut-geschwinde Reaktion überrascht mich dann doch. Obwohl ich den Artikel in besagter Facebookgruppe nicht zu teilen wagte, folgte umgehend der kommentarlose Rausschmiss.
Adiós muchachos!
 




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Kommentare

  1. Vielen Dank an Manuela Bößel !!

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  2. Liebe Kathrin Groh-Zemke,

    war mir ein Vergnügen!

    Danke dir für die Gründung der Facebookgruppe "Heilpraktiker ... immer im Lernmodus..." (https://www.facebook.com/groups/287118028323705/)

    Herzliche Grüße,
    Manuela

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  3. Wow, klar und deutlich. Tock Tock Tock, die spinnen, die Römer....
    Heilen hat was mit Menschen und Fähigkeiten zu tun, nicht mit Standesdünkel. Leider bin ich nicht bei Facebook, sonst würde ich auch gerne eintreten....
    Michaela

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  4. Liebe Michaela,
    ja, mit Fähigkeiten und Menschen - womit denn sonst?
    Manchmal ist es allerdings besser, diese Frage nicht zu stellen ;)
    Danke und herzliche Grüße!

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Aktualisiert am 15.10.19