zwei Gastbeiträge von Peter Ripota: Kompliment oder Beleidigung? (Teil 1)



In meinem letzten Artikel ging es um "Regeln" und ob bzw. wie man diese in Frage stellen kann. ...darf? ... soll? ... möchte?

Verhaltensvorschriften gibt es ja auch im zwischenmenschlichen Bereich und ganz besonders viele davon im zwischengeschlechtlichen. Sie wohnen - sich munter abwechselnd - im momentan herrschenden Zeitgeist und verschiedensten Kulturkreisen. Ein ganz schwieriges Pflaster!
Da ist es nicht ganz einfach zu überblicken, was grade "richtig" (im Sinne von "ungefährlich") sein könnte. Peter Ripota (österreichischer Galan alter Schule) kredenzt uns in seinem Artikel schneidig-freche Beispiele und Fragen. 

Dankeschön und Bühne frei für Peter Ripota! 
Viel Vergnügen!
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Kompliment oder Beleidigung? 

 

Die Sexismus-Debatte entzündet sich vor allem an verbalen Äußerungen: Ist eine Bemerkung Menschen-erfreuend oder Menschen-verachtend?

Stellen Sie sich (als Mann) folgende Situation vor: Durch eine Zeitmaschine werden Sie plötzlich ins galante Zeitalter zurückversetzt. Sie leben sich gut ein und lernen auf einem Ball ein charmantes Ehepaar kennen.

Als Gentleman der alten Schule, der Sie ja nun sein sollen, machen Sie der Dame ein Kompliment über - irgendetwas, Sie haben's vergessen.

Anstatt dass daraus eine angenehme Unterhaltung wurde, haben Sie Ihr Todesurteil ausgesprochen.
Denn der Kavalier der Dame fasste Ihre Bemerkung als tödliche Beleidigung auf und forderte Sie zum Duell heraus. Womit Sie Ihr Leben verwirkt haben, denn mit den Waffen der damaligen Zeit können Sie natürlich nicht so gut umgehen wie Ihr Gegner.

Ein konstruierter Fall? Möglich, aber ähnliches gibt es ja auch in der Gegenwart.

Stellen Sie sich vor (und beantworten Sie die folgenden Fragen möglichst alle für sich selbst), stellen Sie sich also (als Frau) vor, Sie gehen zur Garderobe und ein unbekannter Mann, freundlich lächelnd, hilft Ihnen unaufgefordert in die Ärmel.

Kompliment oder Beleidigung?
Extreme Reaktionen: "Was für ein netter und wohlerzogener Mann." gegen "Lassen Sie das, ich bin kein hilfloses Wesen, und rühren Sie mich gefälligst nicht an!" Beides geschehen.

Nun die umgekehrte Situation: Sie (als Mann) haben in der engen Straßenbahn Probleme, den Arm in den Ärmel des Anorak zu kriegen. Eine unbekannte Frau, freundlich lächelnd, hilft Ihnen dabei unaufgefordert. Sind Sie erfreut oder irritiert?

Oder wie geht es Ihnen dabei: Fröhlich, gut gelaunt, gesund und munter betreten Sie die Straßenbahn. Da bietet Ihnen ein junges Mädchen seinen Platz an. Was denken Sie? "Wie nett, die Jugend von heute ist doch noch wohlerzogen" oder: "Oh Gott, ich werde alt!"

Hier noch ein Beispiel aus einem SPIEGEL-Gespräch (Ausgabe 6/2013) zwischen zwei Politikern, Wolfgang Kubicki (FDP) und Laura Dornheim (Die Piraten). Kubicki hatte mal über eine Wirtschaftsjournalistin, die den ganzen Tross (unverschuldet) aufhielt, gesagt: "Wo ist denn die Zaubermaus?"

Freundliche Bemerkung oder sexistisch-verachtungsvolle Herabwürdigung? Die Piratenfrau meinte dazu: "(Zaubermaus) ist verniedlichend, abwertend und enthält eine sexuelle Anspielung."

Sind Sie auch dieser Meinung? Wie begründen Sie diese?

Noch schwieriger wird die Sache in anderen Kulturen.
Es gibt bei manchen Volks- und Religionsgemeinschaften eine Kultur des Beleidigtseins, die auch gut gepflegt wird. Wir brauchen keine Beispiele aus letzter Zeit anzuführen, jeder kennt sie. Selbst in Europa gehören einige Länder dazu, erstaunlicherweise (oder auch nicht) diejenigen mit den meisten finanziellen und gesellschaftlichen Problemen.

Eine Bekannte vor mir hielt sich oft und gern in Stammesgesellschaften auf. Das Leben dort ist wunderbar, denn die Menschen sind gastfreundlich und herzlich. Das Leben dort ist schrecklich, denn die Menschen sind bei jeder Gelegenheit beleidigt.

Beispiel Sitzen: Wenn sie so saß wie die anderen (Beine überkreuzt), war das eine Beleidigung, denn als Nicht-Stammesangehörige stand ihr eine solche Haltung nicht zu. Wenn sie dagegen die Beine auf europäische Art ausstreckte, waren die Gastgeber erst recht beleidigt, denn diese Haltung drückt Verachtung gegenüber den Gepflogenheiten der Stammeskultur aus.

Kurzum: 
In unserer schnelllebigen und globalisierten Welt ist es nicht ganz einfach, immer das Richtige zu sagen oder zu tun, ohne Anstoß zu erregen. Die Konsequenz, schweigen und nichts tun, ist nicht immer ratsam. Und was soll man/frau machen, wenn die Bemerkung eines Gegenübers für einen selbst eine Beleidigung darstellt, was der andere aber anders sieht (siehe "Zuckermaus")?

Haben Sie da Vorschläge?

-Peter Ripota-
www.peter-ripota.de

Peter Ripota, Jahrgang 1943, studierte Physik und Mathematik an der Technischen Hochschule Wien. Er schrieb zahlreiche Bücher über esoterische Themen ("Die Geburt des Wassermannzeitalters", "Metamorphosen der Liebe", "Heilung aus dem Chaos") ebenso wie über die Mängel der modernen Physik ("Mythen der Wissenschaft"). Seit den frühen 1990-er Jahren ist er dem Tanz aus Argentinien verfallen. Zusammen mit seiner Frau Monika veranstaltet er eine monatliche Tango-Tanzveranstaltung in Freising (Bayern).
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Am kommenden Donnerstag, den 12. Mai erörtert Peter hier für dich die Frage  
"Sexistische Anmache: Was kann man dagegen machen?"

Herzliche Grüße und bis bald,
Manuela Bößel






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Kommentare

  1. Der Peter Ripota war ja mal der Chef von PM - dem Wissenschaftsmagazin.

    Da stand mal ein Artikel über Feindbilder. Das Fazit war, soweit ich mich erinnere, dass jede Gruppe, Nation etc. ein Feindbild generiert um nicht Gefahr zu laufen selbst auseinander zu brechen.

    Das ist sehr schön am Kalten Krieg zu beobachten gewesen. Nach dessen Ende, der Feind USA war nicht mehr als solcher existent, brach die UDSSR auseinander. Putin versucht heute die Sowjetunion bewusst durch Feindbilder vor dem Zerfall zu bewahren.

    Gäbe es die Bößel und den Riedl nicht, und das ist die Schlussfolgerung, droht die traditionelle Tango-Szene, zumindest in München, in ihren Grundfesten erschüttert zu werden und auseinander zu brechen.

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    1. Lieber Uwe,

      danke für deinen Kommentar!

      Es beruhigt mich, dass "die andere Seite" - die "Nicht-Tradis" - derart verschiedenartig sperrig-bunt daherkommen und sich selber oft nicht einig sind.
      So ist die Gefahr relativ gering, dass sich aus der vielgestalten, querdenkerischen Genießermelange eine homogene Gruppe bildet.

      Dann braucht's auch keine Feinbilder!

      (Obwohl ich trotzdem ernsthaft drüber nachgedacht habe, ob ich mir nicht vielleicht doch heimlich welche, ganz hinten im Garten, neben dem Komposthaufen, gezüchtet habe. Sicherheitshalber. Hab nachgesehen, da war nur Bärlauch und Marderdreck.)

      Herzliche Grüße in die Ferne!
      Manuela

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Aktualisiert am 15.10.19