Miniatur*In zum Weltfrau*Innentag

Gestern...

 
Ja, ich verwalte meine Buchhaltung selber. Also nicht nur Rechnungen schreiben - das wär ja ein richtiger Weiberjob. Meine Steuererklärung auch. Weil ich nur eine Frau bin, erklärt mir das Steuerprogramm, was ich wo eintragen muss - obwohl es nicht weiß, dass ich eine Frau bin. Das ist toll!

Und weil ich nach ausgiebiger Papiertigerschlacht eine Belohnung wünsche, beschließe ich - nach Blick auf mein Bankkonto - mir ein gar leckeres Süßstück zu leisten. Natürlich nicht vom Discountbäck'! Im Ort gibt es seit kurzem einen putzigen Laden namens "Herzstück". Dort kann man allerlei käuflich erwerben: herzallerliebst aufdekoriertes Regionalbiogemüse, von veganen Jungfrauen gerührte Brotaufstriche, A2-Milch familiengestellter Kühe, fair getradetes Gewürz und nicht zuletzt unglaublich leckeres Gebäck. Ob der Hefezopf mit Datteln und Feigen seinen Ursprung im lactosefreien Dinkel hat, ist mir dabei herzlich wurst. In Kombination mit einer mindestens vier Millimeter dicken Butterschicht lässt er deine Geschmacksorgane jubeln und die Seele singen. 

Der Laden ist genossenschaftlich organisiert, wie gesagt bio-regional, nachhaltig, verpackungsfrei wo immer möglich. Ein gutes Gefühl, dort einzukaufen! Total politisch korrekt! Da wird niemand ausgebeutet. Man muss es sich halt leisten können. (Dass ich das darf, kann ich einschätzen. Obwohl? Frauen und Shopping ist schon so eine Sach', gell?! Drum gibt's ja Ehemänner, Haushaltsgeld und Steuerberater.) Dazu bekommst du aber - quasi als Gratiszugabe - ein  (Recyclingpapier-)Tütle guten Gewissens samt einer Prise stolzen Gutmenschentums. 

Einkaufende kann man dort völlig gendergerecht Einkäuferinnen nennen: die pensionierte Akademikerin mit ökologischem Gewissen, die SUV-Bioreiswaffel-Mama und die nach Weleda duftende Dame mit den unzähligen Nahrungsmittelintoleranzen zum Beispiel. Auch die Verkaufenden sind ausnahmslos weiblichen Geschlechts. Glaub' ich. Aber wie soll das auch anders sein? Die Männer sind ja im Geschäft.

An meinem heiß ersehnten Süß-Tütle wird endlich mittels Holzwäscheklammer der Preis befestigt. Bezahlt werden soll mit Karte, da (Bar-) Geld bäh. Cool halte ich das Kärtchen ans Gerät, stecken tun nur alte Leut'. Und warte auf den Abschlussbiep. Und warte. Und warte. 

Da Zeit kein Gut ist, mit dem die Kassiererin erfahrungsgemäß stets nachhaltig umgehen mag, mustere ich die Fairtrade-Schoki-Auslage. Und siehe da! Ein Mannsbild! Verpackt in bio-fair-nachhaltiger Funktionsklamotte. Lehrer? Bestimmt total aufgeklärt. ER kauft ja ein. Er drückt seinen Einkauf, der eindeutig Kleinkindfutter enthält, etwas unbeholfen an die Brust. Dabei weiß doch jede: "Bitte nehmen Sie einen Einkaufskorb! So können wir die erlaubte Kund*Innenzahl kontrollieren." Dort dürfen sich laut amtlicher Vorgabe drei Kundinnen aufhalten.

Der Zahlvorgang hängt noch immer im Äther, was die Dame hinter der Kasse wortreich kommentiert. In der dringend angesagten Atempause kommt endlich der Herr der Schöpfung zu Wort:

"Das ist, damit d'Frau net so viel Geld ausgibt! Hähähäh!"

Ich zeige ihm mein Bezahlplastik. 

"DAS ist mein Geld!" Haben meine bösen Augen zu wütend gefunkelt? Das war jetzt nicht nett von mir. Männer darf man doch auch nicht diskriminieren.

Er stolpert rückwärts an's Gewürz*Innenregal und ich ramme meine Karte analog-penetrierend in's Gerät, nehme MEINEN Hefezopf in Besitz und schreite hoch erhobenen Hauptes von dannen. Zu MEINEM Auto. 

Und pfeif' auf das ganze Gender-Sterndl-Gedöns. Auch wenn's noch so bio-nachhaltig daherkommt!


Herzliche Grüße,
Manuela








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Kommentare

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  2. Sie entwerfen da aber ein sehr negatives Bild von uns Männ*Innen, gnädige Frau. Wir Männ*Innen, ohnedies diskriminiert durch Gendersprech und andere Diskriminierungsformen*Innen, bemühen uns doch sehr, die Eigenschaften in uns zu fördern, die wir von Natur aus nicht haben, und - so sieht es der weise Plan der Natur vor - auch nicht haben müssen, also Mitgefühl, Zuneigung und Strickfertigkeiten. Uns Männ*Innen obliegt es schließlich, die Welt zu erobern (und Frau*Innen gehören nun mal dazu). Unsere Welt liegt außen, nicht innen, was ja schon die weise Natur rein anatomisch festgelegt hat. Deshalb sollten die Frau*Innen uns dankbar sein, wenn wir von unserem immensen Wissen gelegentlich etwas von uns geben, was Frau*Innen auf ewig fremd sein wird. Also, wie man einen Nagel einschlägt und dabei mit dem Hammer nur den Daumen trifft, nicht die ganze Hand; wie man eine EC-Karte korrekt einsteckt und dabei lechts nicht mit rinks velwechsert; oder wie man beim Tango den Grundschritt führt, ohne ihn selbst zu beherrschen.
    Auch wir haben Rechte, gemäß dem Motto: Unser Kopf gehört uns! (und nicht der Frittöse, pardon: Frisöse)

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    1. Sehr geehrter Herr Ripota,

      um Ihnen zu beweisen, WIE außerordentlich emanzipierte - also männin'sche Eigenschaften - ich mein Eigen nenne, antworte ich Ihnen mit gehörigem Zeitverzug. Das Thema "Mitgefühl" dürfte hiermit erledigt sein.

      Die Beweis-Zwangspause nutzte ich gewinnbringend und konnte alle in meinem Umfeld mit meinen höchst defizitären Strickkünsten beunglücken. Nebenher kann man hierbei schön das Rinks und Lechts üben.

      Da ich statt Dankbarkeit für höflich verklausulierte Rückmeldung zu den Handarbeiten gar garstiges Verhalten an den Tag legte, dürfte die Sache mit der Zuneigung auch gegessen sein. Mei, was bin ich doch emanzipiert...

      Mit herzlichen Grüßinnen
      Manuela

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Aktualisiert am 15.10.19